Die lange und bewegende Geschichte der Nordwestpassage wäre nicht denkbar ohne „die Macht, die das Unbekannte über das menschliche Denken hat“. So Fridtjof Nansen, Landsmann und Mentor des Norwegers Knud Rasmussen, der in den Jahren 1903 bis 1906 erstmals den gesamten Seeweg zwischen Atlantik und Pazifik durchquerte. Vierhundert Jahre lang hatten Forscher verschiedener Nationen nach dieser kürzesten Verbindung zwischen Europa und Asien gesucht. Immer wieder setzten sie ihr Leben und das ihrer Mannschaften aufs Spiel und konnten am Ende doch nur Teilkenntnisse über diese arktische Region beisteuern, die bis in unser Jahrhundert weitgehend Terra incognita blieb. Vierzig gescheiterte Expeditionen, die den Verlust von 140 Schiffen und nicht selten der gesamten Mannschaft mit sich brachten – das war ein hoher Tribut für die Erkundung einer unwirtlichen Gegend, die erst in den zurückliegenden Jahrzehnten als Rohstoffreservat und strategischer Stützpunkt Bedeutung gewonnen hat. Sehr früh nämlich war klar, daß die Passage durch das nördliche Treibeis als Handelsweg viel zu kostspielig und riskant sein würde.

Großbritannien, das im 19. Jahrhundert die beherrschende Rolle bei der Suche nach der Nordwestpassage spielte, ging es denn auch vor allem um nationales Prestige. Die britische Weltmacht wollte selbst noch im unwirtlichsten Winkel der Erde Präsenz zeigen und sich mit den wissenschaftlichen Erkenntnissen jener Forscher schmücken, deren Wißbegier und Tatendrang sie in ihre Dienste stellte. Überzeugend legt der kanadische Autor Edward Struzig in seinem Buch „Die Nordwestpassage“ (Photos von Mike Beedell; Verlag Westermann, Braunschweig 1991; 68,– Mark) dar, daß die Vorstellungen und Phantasien des beginnenden Viktorianischen Zeitalters diesen Aufbruch zum arktischen Kontinent überhaupt erst möglich machten.

Das kenntnisreiche, umfassende und spannende Buch ist allerdings vor allem jenen Lesern zu empfehlen, die mit den populärsten Expeditionen und deren namhaftesten Anführern bereits vertraut sind. Der Autor durchbricht die Chronologie der historischen Abläufe immer wieder, indem er im Vorgriff spätere Ereignisse und Erkenntnisse mit einbezieht. Ein für Unkundige verwirrendes Verfahren.

Wie so oft bei dieser Art von kombiniertem Bild- und Textband vermißt man eine vom Buch getrennte Landkarte, die es beim Lesen erlaubte, die beschriebenen Routen nachzuverfolgen, ohne ständig hin und her blättern zu müssen.

Der gegenwärtigen Bedeutung des arktischen Kontinents, durch den die Nordwestpassage verläuft, widmet der Autor nur einen geringen Teil seiner Aufmerksamkeit. Da ist dann von den Nachteilen zu lesen, die eine nicht eindeutige politische Zugehörigkeit der Arktis zu Kanada mit sich bringt, unter anderem eine kaum wirkungsvolle Kontrolle der ökologisch sensiblen Region. Amerika sieht beispielsweise die Nordwestpassage als internationale Wasserstraße an und scheut sich daher nicht, sie auch mit Öltankern zu durchfahren. Der Leser bleibt in dem beunruhigenden Gefühl zurück, daß eine Ölkatastrophe, wie sie vor der Küste Alaskas passierte, keineswegs ausgeschlossen ist. Ein solches Unglück hätte Folgen, gegen die selbst die dramatischsten Verluste aus der Entdeckungsgeschichte der Nordwestpassage harmlos wären. R. N.