Die Überraschung ist gelungen. Nicht nur die Journalisten, auch die Kollegen Gewerkschafter hatten keine Ahnung. Mit vier lapidaren Sätzen verkündeten am Montag dieser Woche die Industriegewerkschaften Chemie, Papier, Keramik und Bergbau und Energie eine Sensation: Ihre Hauptvorstände haben Gespräche „über eine engere Zusammenarbeit mit dem späteren Ziel einer Fusion“ begonnen. Einzelheiten wie Sitz, Name und genauer Zeitpunkt der Vereinigung sind noch völlig offen. Eine Kommission aus je vier Spitzenvertretern beider Organisationen beginnt Mitte Januar mit der Ausarbeitung eines Kooperationsvertrages.

Noch vor der Jahrtausendwende, so steht zu vermuten, schrumpft die Zahl der Schwestern unter dem Dach des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) von sechzehn auf fünfzehn. Weitere Zusammenschlüsse könnten folgen. IG-Chemie-Chef Hermann Rappe hofft, „daß, angeregt durch uns, vielleicht auch andere auf die Idee kommen, mal miteinander zu reden“. Der Bergbau-Vorsitzende Hans Berger verärgerte seine Kollegen im DGB mit der Bemerkung: „Wenn die Reform nicht von oben zu verwirklichen ist, müssen wir sie eben von unten in Gang bringen.“

Seit Jahren schon wird über eine Reform der Organisationen im DGB geredet. Doch nur die IG Druck und die Gewerkschaft Kunst haben es nach zwanzigjährigen Diskussionen geschafft, sich 1989 zur IG Medien zusammenzuschließen. Eine Kooperation gibt es seit gut zehn Jahren immerhin auch zwischen den Gewerkschaften Nahrung, Genuß, Gaststätten und Textil, Bekleidung. Darüber hinaus aber hat sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als sich die Arbeitnehmerorganisationen mit Ausnahme der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) unter dem Dach des DGB zusammmenfanden, in der Organisationsstruktur nichts getan – allen grundlegenden Veränderungen in der Unternehmerschaft zum Trotz.

Die über die Jahre gepflegte Feindschaft zwischen der White-collar-Organisation DAG und den DGB-Schwestern beginnt sich freilich zu legen. Mit großer Aufmerksamkeit registrierte die Öffentlichkeit jüngst Äußerungen von DAG-Chef Roland Issen, eine Reform des DGB könne am Ende auch die DAG einbeziehen.

Wie dringend eine solche Reform ist, hatte sich nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten gezeigt. Der Aufbau demokratischer Arbeitnehmerverbände in der ehemaligen DDR, in der die Grenzen zwischen den Organisationen teils ganz anders verliefen als im Westen, ließ schwelende Konflikte zwischen den Organisationen in den alten Bundesländern in aller Schärfe aufbrechen. Den reinsten „Kannibalismus“ nannte Lorenz Schwegler, Vorsitzender der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, das unsolidarische Gerangel um Mitglieder im Osten.

Solch ungenierten Plünderungsversuchen wird durch die Initiative von IG Chemie und IG Bergbau zwar kein Riegel vorgeschoben. Mut für weitere Zusammenschlüsse aber könnte der Vorstoß machen. „Keinem fällt eine Perle aus der Krone, wenn er fusioniert“, ermuntert Hermann Rappe. Sein Kollege Schwegler will denn auch die Gespräche mit der DAG so bald wie möglich aufnehmen, um unter dem Dach des DGB eine neue Dienstleistungsorganisation hinzubekommen. Der HBV-Chef wirbt schon seit geraumer Zeit für radikale Veränderungen – gewiß nicht ganz uneigennützig. Schließlich könnte er Vorsitzender einer mächtigen Dienstleistungsorganisation werden, in der große Teile der DAG, die Postbankangestellten der Deutschen Postgewerkschaft, die Mitarbeiter von Sparkassen und das Pflegepersonal angesiedelt sein könnten. Darauf jedenfalls laufen Sandkastenspiele im Arbeitgeberlager hinaus.

Schwegler will die Zahl der DGB-Schwestern zudem auf unter zehn drücken. Nach den Überlegungen der Arbeitgeber würden sieben Multibranchengewerkschaften ausreichen. Wolfgang Schultze, stellvertretender Vorsitzender der IG Chemie, sieht mittelfristig sogar nur noch vier Säulen unter dem Dach des DGB: die Metaller, alle übrigen Industriezweige in einer weiteren Organisation, in der dann wohl die IG Chemie den Ton angeben würde, sowie zwei Dienstleistungsgewerkschaften, eine für den öffentlichen und eine für den privaten Bereich.