Wie eine alte Israelin ihre Heimatstadt Berlin erlebt

Von Gisela Dachs

Der Strohhut ihrer Mutter sei rot gewesen, richtig schön knallrot. Das weiß sie noch genau. Manche Eindrücke der Kindheit bleiben im Gedächtnis haften. In den zwanziger Jahren hätte sich eine Berliner Dame niemals ohne Kopfbedeckung aus dem Hause getraut, selbst im Sommer nicht. Nachdenklich bleibt die grauhaarige Dame, auf Besuch in Berlin, in der Kantstraße stehen. Ihr fällt der Laden ein, den es hier früher einmal gab. Als kleines Mädchen hatte sie ihre Mutter oft dorthin begleitet, wenn der Hut neu gelackt werden mußte.

Jehudith Shaltiel hieß damals Irmgard Schönstädt, ein aufgewecktes blondes Mädchen mit einer Stupsnase und einem langen Zopf. Das war ihre erste Existenz. Bis die Hitlerjungen "Judennasen" blutig schlugen. Irmgard war zwanzig, als die Nazis aus jüdischen Bürgern über Nacht Fremde machten. Damals hörte für sie alles zugleich auf: "Ich war nicht länger Deutsche, nicht länger Kind und nicht länger hier zu Hause." Anfang 1935 wanderte sie nach Palästina aus. Ihre erste Existenz war beendet.

Ihre zweite Existenz schuf sie sich in Israel – weitab von Deutschland und traumatischen Erlebnissen. Doch als die Mauer fiel, wollte Jehudith Shaltiel gleich nach Berlin fahren, in ihr Berlin, ungeteilt und ohne Mauer, die sie nie gesehen hatte. Sie wollte unbedingt wieder die Stadtbahn nehmen von West nach Ost, den alten Schulweg noch einmal abfahren. Mit sich ins reine kommen. Nun war sie da, gutgelaunt und unternehmenslustig, sieben Tage Berlin – ein Wiedersehen im Zwiespalt: Da ist die Angst, sich zu tief fallenzulassen in die Vergangenheit, die Angst vor dem Schmerz, der zu stark sein könnte.

Die Flagge im Hof verbrannt

Irmgard möchte in ihre alte Schule. In die Erste Städtische Studienanstalt in der Frankfurter Allee in Ostberlin, wo sie im Frühjahr 1933 Abitur gemacht hatte. Es ist das letzte Jahr gewesen, in dem Juden das Gymnasium noch beenden durften. Am Tag der Prüfung wurde die Weimarer Flagge im Schulhof verbrannt. Die Oberschule gibt es noch, nur der Schulhof befindet sich heute auf der anderen Seite des Gebäudes. Sie heißt Georg-Händel-Schule und förderte zu DDR-Zeiten musisch begabte Kinder. Das wird sie weiterhin tun dürfen, die Entscheidung ist gerade vor ein paar Tagen gefallen. Die Direktorin ist erleichtert.