Muß den wirklich alles verwertet werden? Muß denn zum Beispiel das Ostra-Gehege im Nordwesten Dresdens der wirtschaftlichen Ausbeutung preisgegeben werden? Dieses Gebiet, um das die Elbe einen großen Bogen schlägt, das so groß und so weit ist wie die Neustadt nebenan, eine weithin unbebaute Auenlandschaft mit Elbwiesen, die von Zeit zu Zeit bei Hochwasser überschwemmt sind, mit zwei zerzausten ehrwürdigen Alleen, der Pieschener und der Übigauer Allee? Mitten darin der unter Denkmalschutz stehende, gutshofähnliche Schlachthof von Hans Erlwein, dem Stadtbaumeister Dresdens um die Jahrhundertwende, auch etwas Kleingewerbe und ein paar Schrebergärten.

Das Ostra-Gehege gehört zur Dresdner Landschaft so wie der Große Garten mitten in der Stadt, wie die breiten Auen der Uferlandschaft, wie die nördlich steiler, südlich sanfter ansteigenden Hänge. Es ist ein konstituierendes Element Dresdens, der grünen Stadt mit ihrer Einheit von Landschaft und Stadt.

Dafür empfängliche Menschen waren schon immer von diesem widersprüchlichen Zusammengehörigen fasziniert und haben versucht, es einzufangen, Maler wie Caspar David Friedrich, Canaletto, Otto Dix, Literaten wie Fjodor Dostojewskij, Honoré de Balzac, Dorothea Tieck, Musiker wie Heinrich Schütz, Carl Maria von Weber, Richard Wagner, Architekten wie François Cuvilliés. Wem dies immer noch nicht genügt, um mit den Überlegungen einzuhalten, das Ostra-Gehege wirtschaftlicher Verwertung auszuliefern, sollte mindestens auch dies wissen: Die Qualität des Dresdners Klimas, das Grund- und damit das Trinkwasser, der natürliche Sandfilter, die Qualität der Erde, der Luftwechsel von Westen her hängen von der Unversehrtheit und der Regenerationsfähigkeit dieses Areals ab.

Keine Stadt von der Größe Dresdens besitzt einen derartigen stadtnahen Schatz. Daß es ihn noch gibt, läßt sich nur mit den besonderen Umständen der DDR erklären. In den Städten des Westens wäre das Gebiet längst „verwertet“, vermarktet worden, verloren. Man sollte meinen, daß die Dresdner, nicht zuletzt die verantwortlichen Politiker, darüber so glücklich sind, daß sie es nach Kräften schonen.

Doch wie man hört und liest, soll mit den wichtigsten Partien des Ostra-Geheges dies geschehen: Das 23 Hektar große Areal des Schlachthofes soll an die bayerisches Fleisch und anderes verarbeitende Wasner GmbH verkauft werden; das westlich anschließende Kleingewerbe- und Kleingartengebiet soll von der Treuhandanstalt an ein Dutzend Industrieunternehmen veräußert werden; übrig bliebe ringsum nur ein breiter Rand von Restflächen, ungeeignet, die vorhandenen Quali täten noch zu bewahren – sofern nicht auch sie noch der wirtschaftlichen Verwertung ausgesetzt werden. Vertan wäre die Chance, diese unvergleichliche Landschaft und die Fülle ihrer Ressourcen als nahes Erholungs- und Sportgebiet zu erhalten, auch als ein originelles Ausstellungsgelände in der Schlachthof-Stadt.

In Gefahr wären auch die beiden Alleen, die erst allmählich wiederentdeckt werden: die eine, die vom Elbhafen schräg auf das Schloß Übigau gerichtet ist, die andere, die viel längere Pieschener Allee, die am Ufer des Elbbogens entlang zur Altstadt führt. Sie warten schon seit Jahrhunderten darauf, so wie einst im Cuvillies-Plan vorgesehen, über das kaum noch erkennbare Kleine Gehege bis zum Park des Zwingers fortgesetzt zu werden. Außerdem könnte die benachbarte barocke Friedrichstadt räumlich angeschlossen, aber auch der Elbhafen mitsamt seinem Betrieb in das Konzept einbezogen werden. Als ersten Schritt dazu sollte die Stadt hier, schon um die Finanzierung zu erleichtern, eine Bundesgartenschau anstreben, so wie sie das rührige Gartenamt der Stadt doch schon konzipiert hat.

Es ist schon merkwürdig: Da reden die Dresdner Planer und Politiker von der „Erhaltung des Charakters der Stadt“ und vom „Gesamtkunstwerk Dresden“, aber meinen damit meistens nur die Altstadt und Teile der Neustadt. Gleichzeitig wird – so wie vom Wirtschaftsdezernenten Rolf Wolgast – die Blockierung „wertvoller Flächen für die Wirtschaft, die schließlich das Geld bringt, durch Standorte der Kultur“ beklagt, mit dem Hinweis auf die innere Stadt und das Ostra-Gehege.