Nürnberg

An einem seidenen Faden hängt seit einigen Wochen die Existenz eines der letzten Jugendstilbäder in Deutschland, des Nürnberger Volksbades. Wie auch viele andere Kommunen muß Nürnberg sparen, und da steht das Bad (jährliche Zuschüsse: 2,6 Millionen Mark) an erster Stelle. Über 16 000 Unterschriften hat eine Bürgerinitiative für die traditionsreiche Badeanstalt gesammelt, die noch nie so populär war wie nun, da sie geschlossen werden soll. Besonders aber ist es der Aktion „Rettet das Volksbad“ gelungen, CSU, Grüne und Republikaner zu einer breiten „Ablehnungsfront“ zu bewegen. Grotesk ist dagegen die Rolle der SPD, die mit dem Bruch des rot-grünen Bündnisses im Rathaus auch ihre Mehrheit verloren hat. Sie selbst verdrängt dies offenbar. Wie sonst wäre zu erklären, daß sie einen Schließungsantrag des Volksbades zur Abstimmung in den Stadtrat brachte – und damit prompt einen Platscher machte?

Ist das Volksbad also gerettet? Das nun auch wieder nicht. Bei den knappen Mehrheitsverhältnissen (SPD, FDP und Oberbürgermeister kommen auf 35 Stimmen von 71) reicht es, wenn ein Ratsmitglied seine Meinung ändert, um dem Volksbad den Hahn abzudrehen. Und die SPD hat bereits deutlich gemacht, daß sie bei ihrem strikten Nein bleibt und bei nächster Gelegenheit die Schließung erneut auf die Tagesordnung bringen wird.

Bei seiner Eröffnung 1914 war das Bad das größte Hallenbad in Deutschland. Nicht ganz so prächtig und detailverliebt wie das Müller’sche Volksbad in München, dem es nachempfunden ist, bot es den Komfort von gleich drei Schwimmhallen, von Wannen- und Brausebädern und einem „römisch-irischen Dampfbad“. Besondere Attraktion war ein Hundebad, in dem die Vierbeiner (kurzhaarige für 40 Pfennig, langhaarige für 1,40 Mark) gewaschen und gebürstet wurden.

Noch heute prangt der Name „Volksbad“ in goldenen Lettern über der Pforte. Die hohe, sparsam kolorierte Eingangshalle erinnert eher an ein ehrwürdiges Gymnasium als an eine profane Reinigungsanstalt. In drei separaten Hallen sind die Schwimmbäder untergebracht; die schönste ist ein grottenähnliches Gewölbe in Weiß und zartem Smaragdgrün, von großen Halbkugelleuchten in ein weiches Licht getaucht. Wenige Schritte hinter den abgerundeten Beckenrändern sind, zu umlaufenden Arkaden geordnet, abschließbare Umkleidekabinen. Die gesamte Innenarchitektur ist auf Harmonie, Wohlergehen und Sinnenlust ausgerichtet. Hier springt man nicht kopfüber ins Wasser, hier steigt man gemessenen Schrittes über Steinstufen ins Naß.

Alles wunderbar, meint die SPD, nur, demnächst steht eine Sanierung an, und die solle rund 50 Millionen Mark kosten. Das behauptet zumindest ein Gutachten, das der Leiter des Bäderamtes, Heinrich Polster, im richtigen Moment aus dem Hut zauberte. Merkwürdigerweise würde auch er das Bad lieber heute als morgen schließen. „Unwirtschaftlich und technisch veraltet“, lautet sein – Jugendstil hin, Denkmalschutz her – vernichtender Befund. Rund 200 000 Besucher im Jahr sind Heinrich Polster zuwenig. Daß es mehr werden könnten, glaubt er nicht: „Da kann ich das Wasser aus goldenen Wasserhähnen einlaufen lassen, dann kommen auch nicht mehr.“ Er würde viel lieber ein modernes Freizeitbad auf „die grüne Wiese“ stellen und das Volksbad in eine Kunsthalle umwandeln.

Das geht der Bürgerinitiative „Rettet das Volksbad“ jedoch gegen den Strich. Und mit einigem Spürsinn hat sie auch die schwache Stelle in Polsters Rechnung ausfindig gemacht – das Gutachten. Nicht nur, daß es schon fast zehn Jahre alt ist – es würde das Volksbad auch so renovieren, daß es danach nicht wiederzuerkennen wäre. Statt dessen gäbe es noch ein protziges, palmenbegrüntes Freizeitparadies mit Edelstahlbecken, Sauna-Außenbecken und vermutlich künstlichem Wellengang mehr. Daß dieser Schnickschnack 50 Millionen kosten würde, glaubt die Bürgerinitiative gern. Eine vernünftige Sanierung dagegen müßte nach ihrer Meinung auch mit fünf bis zehn Millionen hinzubekommen sein.