gen. Auch wenn man kurzfristig gewinnen mag, auf lange Sicht ist am Vorteil der Bank nicht zu rütteln.

Aber was ist mit der Physik? Thomas A. Bass erzählt in "Der Las Vegas Coup" von einer Gruppe kalifornischer Physiker und Computertüftler, die einige Jahre ihres Lebens der Aufgabe geopfert haben, den Lauf und Fall der Roulettekugel vorherzuberechnen. Dies mag zunächst verrückt erscheinen, gilt doch das Roulette als klassisches Zufallsexperiment. Aber natürlich gehorcht auch das Glücksspiel den Gesetzen der Physik, und gemäß den Vorstellungen des französischen Mathematikers Laplace müßte man nur Position und Geschwindigkeit der Kugel und des Rotors genau genug messen, um zumindest den Sektor des Roulettekessels zu bestimmen, in dem die nächste Glückszahl liegen wird.

Bass langweilt seine Leser nicht mit Differentialgleichungen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen. Seine Geschichte ist vielmehr das Sittenbild einer Szene von amerikanischen Computerfreaks zu einer Zeit, als der Aufstieg des legendären Silicon Valley begann. Die Erfindung des Mikrochips "demokratisierte" die Computerentwicklung, in Hunderten von Garagen löteten Bastler an Eigenbaurechnern. Das bekannteste Beispiel ist der erfolgreiche Apple Computer der damaligen Studenten und heutigen Multimillionäre Jobs und Wozniak.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der Physiker Doyne Farmer, der das Rouletterad mit Computerhilfe schlagen will. Seine Idee: Ein Minicomputer von der Größe einer Zigarettenschachtel, verborgen in der Schuhsohle eines Spielers, soll nach der Eingabe einiger Daten den Lauf der Kugel vorausberechnen. Das Ergebnis wird an einen Partner gefunkt, der wiederum am ganzen Körper verdrahtet ist und seine Signale über elektrische Summer an Brust oder Beinen empfängt. Denn in den Spielbanken von Las Vegas oder Reno kann man nicht offen mit Computern hantieren.

Also ist eine ausgeklügelte, versteckte Hardware vonnöten, und die bereitet den Bastlern größere Probleme als die Theorie. Denn es stellt sich bald heraus, daß das Roulette im Prinzip zu besiegen ist, was in der Praxis jedoch auf massive Schwierigkeiten stößt. Eudaemonic Enterprise nannten die Helden ihr Unternehmen, und jedem, der Arbeit oder Geld in das Projekt investierte, wurde ein gerechter Anteil an der erwarteten unversiegbaren Geldquelle versprochen. Sozusagen im Vorbeilesen erfahren wir einiges über die Geburt der Chaos Theorie, zu deren frühen Protagonisten Farmer und einige Mitglieder seiner Clique gehörten. Bass Geschichte endet im Jahr 1985, und der Leser fragt sich, was sechs Jahre danach aus den Ideen von Eudaemonic Enterprise geworden ist — heute, wo Computer noch kleiner und fähiger geworden sind. Doch Farmer, der seinem Pazifismus zum Trotz in den Atomlabors von Los Alamos arbeitet, geht davon aus, daß weiterhin einige Teams die Casinos unsicher machen — und vielleicht unauffällig die Spielbanken ausnehmen. In Nevada verbietet mittlerweile vorsorglich ein Gesetz die Mitnahme von "Geräten", die in der Lage sind, den Ausgang des Spiels vorherzusagen.

Was bei der ansonsten amüsanten Lektüre des "Las Vegas Coups" stört, ist die miserable deutsche Übersetzung. Sicher ist es schwierig, ein Buch zu übertragen, in dem der Autor mit den Fachjargons von Computerfreaks, Mathematikern, Zockern und Chaos Theoretikern jongliert. Es ist aber kaum zu verzeihen, daß der Übersetzer etwa ständig den Chip Grundstoff Silizium mit Silikon verwechselt, was beispielsweise Schönheitschirurgen zur Brustvergrößerung einsetzen. In einigen Passagen ist die Übersetzung so sinnentstellend, daß dem kundigen Leser die englische Originalfassung zu empfehlen ist ("The Eudaemonic Pie", 1985 bei Houghton Miffhn, USA, erschienen, bzw "The Newtonian Casino", 1990 bei Longman Group, Großbritannien).

Computergenies sprengen die Bank Birkhäuser Verlag, Basel 1991; 300 S, 39 80 DM