Von Konrad Heidkamp

Niemand ist hier verbindlich. Fragt nach dem neuesten Trend in den musikalischen Chefetagen. Oder überlegt, ob die prognostizierte Jazz-Welle noch anhält oder schon wieder im Sand verläuft. Sie sind zwar freundlich, aber in Sachen Musik hört die Höflichkeit auf. Drei Künstlerinnen, drei Pianistinnen, drei Frauen – in dieser Reihenfolge.

Bereich: improvisierte Musik, Avantgarde, Free Jazz. Wer hier abbricht, ist selbst schuld. Das Elvira Plenar Trio spielt mit einer Energie, die urplötzlich im Raum steht und alle Kategorien wegfegt: Stunden mit ausgeklügelter, polyphoner Kunstmusik, Tage mit privaten, öffentlichen und laienhaften Radiosendern. "Hi Hat", der erste Titel, fünf Minuten lang – und alle musikalischen Belanglosigkeiten ziehen wie Rauchschwaden durchs geöffnete Fenster. Elvira Plenars Anschlag ist – auch in ruhigeren Stücken – so hart, als wäre jeder Ton mit einem Ausrufezeichen versehen. Hier wird nicht vorgetastet, angedeutet oder vermutet, hier wird behauptet – mit Recht. Und der Schlagzeuger John Betsch und Peter Kowald am Bass stehen dahinter wie zwei Mann, keine Begleiter, vielmehr Verschwörer eines Anschlags, dem es nicht um eine Utopie, eine zukünftige Entwicklung geht, sondern um die Verdichtung des musikalischen Augenblicks.

Auch Marilyn Crispells und Irene Schweizers Klavier-Duo lebt aus diesem Bewußtsein. Diesmal aber acht Segmente, ohne Titel, ohne Themen, nur mit Anweisungen für Gefühle, Energiepotentiale, Rhythmen. "Overlapping Hands" beginnt mit zart angerissenen Saiten, gedämpften Trommeln im Inneren der Flügel, an- und abschwellend, mündet dann in sich verzweigenden Klangflüssen, mit melodischen Stromschnellen, harmonischen Untiefen. Man schwimmt träge mit, wird fortgerissen und taucht unter. Der Beifall am Ende des einstündigen Konzerts spricht für die Musik: erlösende Kopfschreie, klatschende Hände und stampfende Füße. Diese Urgewalt an Tönen, diesen tranceartigen Tanz, dessen impressionistische Segmente um so intensiver wirken, kann man nicht geteilt genießen. Ein Monolog für zwei Spielerinnen – mit dem ganzen Körper zu hören. Das verblüffte, Schulterklopfende Kompliment, daß da jemand wirklich "spielen kann" – im traditionellen, handwerklichen Sinne –, ist so alt wie die Geschichte der modernen Kunst. Elvira Plenar, Marilyn Crispell und Irene Schweizer dürfte dieses anerkennende "Lob" so sauer aufstoßen wie der Beifall von der falschen Seite. Die Summe der musikalischen Rollen, die sie, je nach Stimmung und Kontext, spielen, ist ihre Identität. Und die läßt sich nicht auseinanderdividieren. Irene Schweizer galt vor fünfundzwanzig Jahren, in Zeiten, als der pianistische Übervater Cecil Taylor in Europa vorwiegend auf Platten zu hören war, als Ersatzmutter im freien, rhythmischen Klavierstil. Aber schon damals schoben sich die magischen Ostinatofiguren eines Dollar Brand, die harmonischen Stolpersteine eines Thelonious Monk zwischen die freitonalen Ausbrüche ihres kürzelhaften Energiespiels. Zu Irene Schweizers 50. Geburtstag im Februar dieses Jahres erschienen zwei Solo-CDs, denen man das Etikett "Für alle!" aufkleben möchte. Als nicht mißzuverstehendes Kompliment. Vierundzwanzig Etüden, Erzählungen und musikalische Essays über Vergangenheit und Gegenwart, eingespielt in der alten Kirche in Boswil. Intelligent verträumt oder mit zartem Humor, mit linearer Strenge oder vertrackten Brüchen – Irene Schweizer hat sich selbst ein Geburtstagsgeschenk überreicht, das kaum zu überbieten ist.

Mit spieluhrgleicher Leichtigkeit, mit zarten Hommagen an das mechanische oder präparierte Klavier, mit ihren Rhythmen- und Motiv-Verfremdungen zieht sie ein Resümee aus 35 Jahren Schweizer Schlagzeug- und Pianoleben, ohne in technische Vorzeige-Attitüden zu verfallen. Blues, Boogie, Mazurka, Shuffle Waltz... Man sollte sich von den Titeln nicht täuschen lassen, sie sind nicht, was sie scheinen. Ihr Humor ist so fein, daß er auf jede Parodie verzichten kann. Es swingt, denkt, stolpert slapstickartig und bleibt dabei so dicht und durchsichtig, als durchwehe die Boswilsche Kirche ein Hauch von Erik Satie.

Wem zu Keith Jarrett nichts mehr einfällt, wer Myra Melford nicht liebt und sich nur eine CD kaufen kann, von der er sicher weiß, daß er sie für immer behalten will, sollte "Irene Schweizer Piano Solo Vol. 1" wählen. Ohne sie vorher zu hören, ohne sie zu verschenken. Verbindlich.

  • Elvira Plenar Trio: