Von Fredy Gsteiger

Tel Aviv, im Dezember

Als Hans-Dietrich Genscher ihm vor gut einem Jahr seine Versetzung nach Tel Aviv eröffnete, sagte Otto von der Gablentz: "Da freue ich mich." Der Außenminister schaute ein klein wenig verwundert drein. Denn unter den schwierigen Posten, die das Auswärtige Amt zu vergeben hat, steht jener in Israel gewiß ganz oben.

An dem Tag, an dem der 61jährige Karrierediplomat sein neues Amt hoch oben im Dubnov-Turm in Tel Aviv antrat, wußte er freilich noch nicht, als wie schwierig es sich erweisen würde. Er konnte sich nicht ausmalen, daß er nur Monate später die gleich neben dem Verteidigungsministerium gelegene Botschaft würde evakuieren müssen, weil irakische Raketen einschlugen. Und Gablentz ahnte auch nicht, daß später deutsche Skinheads und Neonazis die Schlagzeilen der Welt wieder mit dem Bild vom "häßlichen Deutschen" beherrschen würden.

Im Gegenteil: Otto von der Gablentz hatte einen angenehmen Start – wenigstens für ein paar Wochen. "Wir sind froh, daß die DDR verschwunden ist, daß ein antiisraelisches Land, das seine faschistische Vergangenheit leugnete, das Terroristen unterstützte, nicht mehr besteht", meinte Staatspräsident Chaim Herzog bei der Ackreditierung und gab damit zu verstehen, daß die bissigen Äußerungen von Regierungschef Schamir gegen die deutsche Vereinigung nicht länger galten.

Deutschlands neuer Botschafter konnte zudem auf eine untadelige Familienchronik im Dritten Reich verweisen. Schon bald galt der neue Vertreter Bonns als "ganz ordentlicher Mann". In jedem anderen Land wäre daraus ein gerüttelt Maß an Kritik zu lesen; in Israel jedoch darf ein deutscher Diplomat dieses Urteil unbesehen als Lob werten. Um so mehr, wenn er nicht unbedingt jenem Menschentyp entspricht, mit dem sich ein Israeli flugs verbrüdert. In diesem Land der markigen Töne und groben Umgangsformen wirkt einer wie er fast übertrieben liebenswürdig, erscheint er zu sehr als aus dem Ei gepellter Musterdiplomat.

Sagt er eigentlich auch mal nein? fragte sich mancher Gesprächspartner. Es dauerte seine Zeit, bis sie merkten, daß der Nachfolger des kantigeren Wilhelm Haas alles andere als ein Salonbeamter ist, daß sein fast überkorrektes Auftreten keineswegs Teilnahmslosigkeit oder gar Desinteresse maskiert. Im Gegenteil: Seine Offenheit ist nicht gespielt, seine Lernbegier ehrlich. Dadurch erscheint letztlich seine Liebenswürdigkeit nicht nur aufgesetzt, sondern glaubhaft. "Besonders in diesem Land gilt es, empfindsam zu bleiben, ohne empfindlich zu sein", formuliert er, leise und präzise, ohne ausholende Gesten, ohne markiges Wortgeklingel.