Es wurde finster, als sie in Vinstra ankamen. Verloren warteten sie vor dem Zwergbahnhof irgendwo im kühlen Grunde des Gudbrandsdals. Ringsum alles aper, kein Skimensch weit und breit. „Sauber, sog i“, sagte der Bayer. Und der Schweizer sprach: „Heilig’s Matterhörnli.“ Zwei Alpenländler, die auszogen, im hohen Norden das Telemarken zu lernen. Aber wo nur und worauf?

Die beiden Winterfrischler waren sich schnell einig: Nix ham’s, nicht mal Schnee. Es war ja auch nicht mehr viel zu sehen, als sie durch die Abendbläue zum Berghotel „Gola“ hinaufchauffiert wurden. Entsprechend wild wucherten ihre Spekulationen beim Betthupferl (eine Batterie Bölkstoff, in Hamburg noch schnell erstanden, weil im skandinavischen Alkoholikerbund die Bierpreise arm machen). Der Eidgenosse: „Peer-Gynt-Skiarena? ’s isch wohl äs Chasperlitheater!“ Der Bayer: „Blabaerfjellet – a Berg soll dös sei? Do lach i ja. 1004 Meter niedrig – a Katzenbuckl is!“ Dann schliefen sie ein und träumten von ihrer Gebirgsheimat, von himmlischen Schneetälern und höllischen Bergriesen.

Na bitte, da hatten sie’s: Als die zwei Alpinos andernmorgens den ersten Idiotenhügel hinunterstotterten, wollten sie am liebsten ihre vier Brettl gleich wieder abschnallen; die Piste war nämlich so beinhart wie Estrich und ungefähr so steil wie die Poebene. Aus dem Unterholz hörten sie den Alpenkönig raunen: „Recht geschieht’s euch Narren, die ihr mein Reich verschmähet!“ Reumütig dachten die beiden an den Hahnenkamm, an Gstaad, an Cortina d’Ampezzo, während sie sich im Schneckentempo zu Tal quälten ...

Dort stand hölzern das „Peer Gynt Café“. Drinnen sah es aus wie beim Studienrat Ikea in Itzehoe. Sie nahmen zwei Schnäpse (natürlich gab es weder Obstwässerli noch Enzian) und bedauerten einander. Aber dann wurde ihnen urplötzlich recht seltsam zumute, und sie wußten nicht, wie ihnen geschah. Was war das?

Die Leutchen wirkten so heiter und gelassen. Sie plärrten und krakeelten nicht, sie schubsten und schoben nicht wie daheim im Sporthotel „Edelweiß“. Niemand schrie nach Jodler und Jagertee, Gamsbraten und Germknödel. Still und stumm gabelte jedermann sein Spekematsbord leer (ein Brotzeitteller mit Schafsfleisch, Rentierspeck und Schweinernem) und löffelte sein Rømmegrot aus (eine Sauerrahmspeise). Sonderbar.

Die Frustkameraden spürten mit einem Mal, wie beschaulich doch auch das Winterleben sein kann. Und sie ahnten den einfachen Grund: Hierher verirren sich Heinz und Gisela, das allgegenwärtige und immerlärmende Almrauschpaar aus Minden, so gut wie nie.

Erst recht wunderten sie sich, als sie zum Lift schlitterten. Da standen die Norweger so diszipliniert an wie ein Bataillon Gebirgsjäger. Keiner drängelte oder fluchte. Man sah nicht den berüchtigten subalpinen Körpereinsatz, keine Stahlkantenchecks, keine Florettduelle mit den Skistöcken. Elchsgeduld an der Aufstiegshilfe – wo hat man das in den bavaro-helvetischen Schneekriegen je erlebt?