Von Harry Pross

Auch in ihrem 21. Jahrgang bleibt die Jahresschrift für skeptisches Denken. Scheidewege ihren Zweifeln treu. Sie nennt die Natur noch beim Namen, reduziert sie nicht auf Umwelt, stellt den wissenschaftlich-technischen Fortschritt in Frage, hebt Verantwortlichkeit und Offenheit hervor. So im neuen Jahresheft mit seinen zwanzig Beiträgen. Ein alter Skeptiker, Erwin Chargaff, eröffnet mit "Fragmenten über das nicht gewußte Wissen". Ihm folgt Ernst Jonas mit einem Plädoyer für die "Sterblichkeit als Segen". Ernst Jünger prognostiziert das 21. Jahrhundert als ein Interim der "Titanen" vor der Wiederkehr der Götter: "Auch der Weltstaat wird die Gewalt nicht abschaffen, da sie zur Schöpfung gehört. Der Krieg verwandelt sich in Polizei-Aktionen kleineren und größeren Umfanges. Da die Kernwaffen monopolisiert sind, haben Aufstände keine Aussicht, doch der Terror wird zunehmen" (aus "Die Schere").

Leider sind die Kernwaffen nicht monopolisiert, sondern oligopolisiert, und das Oligopol wird wachsen, man denke an Israel, Korea, die Ukraine und so fort. In allen drei Beiträgen lebt die gemeinsame Denkanstrengung, zu einer Ethik zu gelangen, die Freiheit zum A und O hat. Dazu gehört freilich eine Einsicht, die der Münchner Philosoph Robert Spaemann in seinem Beitrag "Mensch und Natur" wiederholt: "Nur der Mensch kann die Anthropozentrik überwinden, und gerade darin liegt seine Würde." Da hat er noch viel zu tun, um von der Egozentrik über die Ethnozentrik, Eurozentrik und Globozentrik hinweg zu seiner Würde zu gelangen.

Der Naturschützer Jürgen Dahl schreibt von den "Aporien des sogenannten Umweltschutzes" unter dem einprägsamen Titel "Zwölfzylinder, schadstoffarm". Er ist das Symbol einer Lebensführung, deren Grundprinzip der Verkehr ist, und, so Dahl: "Die Mahnung, daß Umweltschutz zu Hause anfange, entspricht dem Hinweis an einen Gefesselten, er habe doch immerhin die Möglichkeit, mit den Augenlidern zu klappern ... Jeder Versuch, die engen Grenzen privater Entscheidungen zu überschreiten, scheitert an technischen, gesellschaftlichen, beruflichen und anderen Nötigungen." Die Risiken sind am Ende des Industriezeitalters "ins Unmäßige vergrößert". Der "große Knall" scheint weniger wahrscheinlich als die Verkettung von Folgen und Folgefolgen eines Mißgeschicks, die nach und nach die Zivilisation außer Funktion setzt. An einen gemeinsamen Plan der Vernunft sei jedenfalls nicht zu denken. Die Nötigung zum Verzicht auf die Wachstumsgesellschaft könne nur durch die Armut kommen, weil niemand auf etwas verzichtet, und so donnern am Ende des Essays die apokalyptischen Reiter herauf.

Loslassen also, eine alte skeptische Haltung. Wolfgang Sachs beginnt seine Bemerkungen zur Kritik der Ökologie mit dem Aussteiger Franz von Assisi, Godela Unseld ventiliert auch die Möglichkeit, die Menschheit eher ganz abzuschaffen, als auf den "technischen Fortschritt" zu verzichten. Sibylle Glanzmann reflektiert Thoreaus Zweijahresexperiment des Lebens in den Wäldern, das am Ende wieder in der Kultur endet und übrigens bei erleichterten Kommunikationen heute häufig auf den Pubertätsprogrammen steht. Die Vita contemplativa auf Zeit ist auch als Angebot der Kulturindustrie zu haben.

Nichts davon im Indianerbericht des Arztes Theodor Binder, "Kolumbus und die Folgen", in Christian Schützes alljährlichem Report "Die Lage der Natur in der Nation" und auch nicht in der Erörterung von Till Bastian, daß nicht nur im Nahen Osten, sondern auch anderswo die "Mangelware Wasser" zum Kriegsgrund werden könnte.

Ist das nun "Antipolitik" vom hohen Podest, wie György Konrad sie wieder und wieder beschreibt ( Universität, November 1991, und im vorzüglichen Ungarn-Heft der Wiener Zeitschrift für brauchbare Texte. Wespennest, Nr. 84)? Ist es "Die Vernunft nach ihrer Kritik: Und sie bewegt uns doch" (Wolfgang Welsch, Universitas, Dezember 1991, zum Thema "Der Taumel der Moderne")? Jedenfalls mehren sich die apokalytischen Töne. Noch kommen sie nicht aus den Posaunen; aber die öffentliche Diskussion füllt sich doch mehr und mehr mit religiösen Vokabeln, Schuld, Sühne, Demut, Frevel, wo bisher Geduld, Besonnenheit, Freimut gefordert waren.