Es muß wohl an mir liegen. Ich lese alles, was mir vor die Augen kommt. Und so geht eben manchmal einiges durcheinander. Innerhalb einer Stunde las ich Anfang Juli 1990 verschiedene Zeitungen und – zwischendurch – zwei gesprayte Sprüche „Ossis raus!“ und „Wessis raus!“

Mir schien im ersten Augenblick dieser Gedanke ganz natürlich und nützlich. Warum sollten die schadstoffgeschädigten Arbeiter aus Leuna nicht ins klimatisch günstigere Pöseldorf umziehen? Und die Münchener Schickeria vielleicht nach Wolfen Nord? So wäre jedem recht getan.

Nur eines hatte ich bei der nur kurz unterbrochenen Lektüre des in allen Leitartikeln wortreich beschworenen Einheitstaumels übersehen – den ersten Spruch las ich in der S-Bahn nach Wannsee, den zweiten an einer Unterführung nach Babelsberg. Natürlich sollten die Ossis da bleiben, wo sie nun einmal waren. Und die Wessis gaben kund, auch im nun geeinten Vaterland möglichst unter sich bleiben zu wollen.

Inzwischen habe ich aufmerksamer Dutzende von Sprüchen gelesen. Vornehmlich an Potsdamer Bus- und Straßenbahnhaltestellen, einheitlich aus Betonplatten gefügt und mechanisch graugelb gestrichen. Bevorzugt fand ich poetische Produktionen, in denen sich fast alles auf „... raus!“ reimte, als wäre damit die ein für allemal gültige Lösung gefunden. In ihren Spitzenprodukten eine Lyrik mit totschlägerischem Anspruch.

Da steht ausgerechnet in der nach Rudolf Breitscheid benannten Straße im ehemaligen Arbeiterviertel Nowawes: „Advent, Advent! / Ein Skinhead brennt. / Erst ein Arm und dann ein Bein. / Und dann das ganze Nazischwein!“ An einem Geschäft für ausländische Spezialitäten in der Leninallee wird der Feldzug gegen die Haarlosen auf die schlichte Formel gebracht: „Haut die Glatzen / bis sie platzen!“ Am Hauptbahnhof Potsdam in der Pirschheide ist zu lesen: „Schießt die Nazis auf den Mond, / damit sich die Raumfahrt lohnt!“

Ein Hauch von Rätselhaftigkeit schwebt für mich um den Spruch, den ich an der Straßenbahnhaltestelle Biesamkiez las: „Deutschland übel, / sprach der Dübel. / Und verschwand / in der Wand.“ Kann ich das als einen ernsthaften Reflex auf die allseits üblichen Raus- und Haut-se-Sprüche werten? Oder wie?

In einem Punkt teile ich allerdings das Schicksal meiner unbekannten und, zugegeben, unsympathischen Kollegen. Auch ihre Produktionsmöglichkeiten schränkt der Markt mehr und mehr ein. Überall in der Stadt werden mit Eile sterile Wartehäuschen aus Kunstglas und weiß-grünen Kunstharzen aufgestellt, mit den üblichen Werbeflächen, an denen weder Farbspray noch Fettstift hält. Unantastbar, unübersehbar leuchtet die eingelassene Schrift: „Test the West! Neu: In der Einheitspackung!“ Axel Schulze