Billy ist verschwunden. Welch ein Jammer! Doch wahrscheinlich haben Herr und Frau Ikea oder wer immer unter diesem Namen die Fäden zieht, keine Ahnung davon, was sie den Bücherwürmern angetan haben, als sie Billy killten. Kein Ersatz kann den Verlust wirklich wettmachen, kein Ersatz (nun muß es in Anführungsstriche kommen) für „Billy“, das Regalsystem, für das viele Intellektuelle schwärmten. „Billy“ war einzigartig. „Billy“ war preiswert. Und „Billy“ überwand den Klassenkampf; denn es diente Frau und Mann, Armen und Reichen, aber vor allem Leuten, denen die Bücher mehr Geld wert waren als das Regal, in das sie sie stellten.

Wie bei Ikeas üblich, nahm man erst zu Hause Maß, beugte sich über den Katalog, rechnete und fügte auf Papier zusammen, was man zusammenbauen wollte, fuhr (leider, leider!) vor die Stadt auf irgendeine dieser zuschanden gemachten grünen Wiesen, verschwand in einem dieser rüden Riesenschuppen und holte sich, was man in welcher Länge, Breite, Menge brauchte, und setzte es daheim zusammen. Es war, prinzipiell, kinderleicht: ein Winkelschlüssel, das war’s,

„Billy“ sah gut aus – aber was heißt das schon. Es sah eigentlich nach nichts aus. Es bestand aus senkrechten und waagerechten Brettern, die man in kleinem oder großem Abstand voneinander zusammenzuschrauben hatte, unten eine Fußleiste gegen den Staub und (nehmen wir an) gegen Mäuse, die die Katze ab und zu herbeizuschleppen liebt. Und man hatte die Wahl: helles Holz, dunkles Holz, Art und Ton der Maserung. Wichtiger war, was später darin mit seinen Farben prangen würde: Bücher.

Eines Tages gab es die erste Enttäuschung. Man hatte Knall auf Fall das Aufsatzregal gestrichen, mit dem sich hohe Wände bis an die Decke ausnutzen ließen. Auf einmal brauchte es Phantasie, den Verlust zu kompensieren, zum Beispiel mit „Elefant“, einer stabilen Kinderhockerbank, massiv, die es aber auch schon lange nicht mehr gibt. Und mit der Wende kam ganz „Billys“ Ende: War es gegen günstigen Ostlohn in der DDR produziert worden?

Aus und vorbei – obwohl „Billy“ so praktisch war, es wackelte nicht und sonderte keinen schlechten Geruch ab. Und es war billig, ohne es zu zeigen. Aber es war: ein Möbel – etwas, das sich von seinem ebenso beliebten Vorgänger unterschied; von den Regalschienen mit den länglichen Löchern und den Konsilien, die man darin einhakt. Dieses Regalsystem hatte das vordem so beliebte Stringregal der fünfziger Jahre im Nu an Popularität übertroffen, aber auch an formaler Neutralität. Man sieht es gar nicht, man sieht nur die Bretter (aus der Holzhandlung: billig).

Auch das ist eine intelligente Konstruktion: Man schraubt die Metallschienen mit Dublin in die Wand, und zwar in Abständen, die die Tragkraft der Konsolen reguliert. Es gibt die Schienen in fast jeder Länge, Konsolen in fast jeder Stärke, schwarz oder weiß oder metallfarben. Mehr ist darüber nicht zu sagen.

Sie erregen schon lange kein Aufsehen mehr. Im Keller tragen sie das Eingemachte, den Wein, auch die Schuhe und den Handwerkskram, in der Wohnung Bücher und weiß der Himmel was. Sie taugen nicht zum Repräsentieren – sowenig wie „Billy“. Sie begnügen sich mit jedem, auch dem kleinsten Platz; sie sind mehr, als sie scheinen. Es sind soziale Gegenstände, wie gemacht für den öffentlichen geförderten engen Wohnungsbau – aber auch nicht fehl am Platz in Villen oder Bibliotheken,

Längst gibt es Reißschienen von vielen Firmen – und für „Billy“, natürlich, die eine oder andere Alternative, Jedoch: Zugleich so simpel, so vielfältig, so ansehnlich und so preiswert ist keine. Ade, „Billy“!