Albanien kommt nicht zur Ruhe. Am Montag demonstrierten in der Hauptstadt Tirana über 30 000 Skipetaren gegen Staatspräsident Ramiz Alia. „Wir wollen ihn aufhängen“, skandierte die aufgebrachte Menge. Angst vor Hunger hatte sie auf die Straße getrieben.

In dem kleinen Balkanstaat ist eine dramatische Versorgungskrise ausgebrochen. Am Donnerstag vergangener Woche hatte Ministerpräsident Ylli Bufi angekündigt, die Lebensmittelvorräte reichten nur noch für sechs Tage. In Panik stürmten Albaner Läden und Lager, Lastwagen wurden überfallen. Präsident Alia befahl daraufhin den Einsatz der Armee. In Lac sollen bei Auseinandersetzungen zwei Menschen gestorben sein.

Noch vor einem Jahr konnte sich Albanien zu neunzig Prozent selbst mit Lebensmitteln versorgen. Nun muß mehr als die Hälfte aus dem Ausland kommen, aber der Nachschub stockt. Auch die industrielle Produktion ist innerhalb eines Jahres fast vollständig zusammengebrochen. Die meisten Fabriken stehen still, das Heer der Arbeitslosen und Kurzarbeiter wächst ständig. Derzeit werden nach Schätzungen gerade fünfzehn Prozent der Vorjahresproduktion erreicht.

Die Verzweiflung treibt viele Albaner in die Kriminalität. Diebstahl und Raubüberfälle sind an der Tagesordnung, nachdem das Land über Jahrzehnte ein Hort staatlich verordneter Ruhe war. Selbst die Blutrache, eine alte albanische Unsitte, die ausgerottet schien, lebt wieder auf. Ein Bauer metzelte eine Nachbarsfamilie nieder, weil die angeblich seine Ziege gestohlen hatte.

Vierzig Jahre Stalinismus und selbstgewählte Isolation enden nun im totalen Zusammenbruch staatlicher Ordnung. Zwar ist Albanien seit eineinhalb Jahren auf dem Weg zu Öffnung und Demokratie. Aber noch immer herrscht der alte Geist, verkörpert vor allem von Staatspräsident Alia, einem alten Stalinisten.

Nach halbwegs freien Wahlen im Frühjahr regierte die sozialistische Mehrheit zusammen mit den Demokraten, Albaniens größter Reformpartei. Die aber hat die Regierung in der vergangenen Woche verlassen, weil sie ihre Positionen nicht gegen die Sozialisten durchsetzen konnte. Nun sollen möglichst schnell Neuwahlen ausgeschrieben werden, um die drohende Katastrophe abzuwenden.

Mit größter Sorge wird das albanische Chaos in Italien verfolgt. Im Sommer hatten über 30 000 verzweifelte Skipetaren die Hafenstadt Bari gestürmt. Nun wird eine neue Flüchtlingswelle befürchtet. dk