Von Esther Knorr-Anders

Drei Grundbedürfnisse sind in der menschlichen Psyche verankert: Liebe, Anerkennung und Geborgenheit. Gerade daran mangelt es den Kindern suchtkranker Eltern. Von klein auf werden sie zur Mitwirkung in einem sich zuspitzenden Familiendrama gezwungen. Sie lernen allzufrüh, erwachsener zu handeln als die sie umgebenden Erwachsenen. In der häuslichen Tragödie entwickeln sie völlig unkindliche Durchhaltepraktiken, fast kann man von Überlebensstrategien sprechen. Darunter fallen hellwache Schläue, die situationsgerechte Lüge, die perfekte Verstellung und das blitzschnelle gefühlsmäßige Erfassen des jeweiligen Seelenzustandes der suchtkranken Familienmitglieder. Diese Kinder werden von Außenstehenden, die nichts Näheres über die familiären Hintergründe wissen, sehr oft als unauffällig, still, liebenswürdig und hilfsbereit geschildert. Genannte Eigenschaften treffen in zahllosen Fällen auf die Kinder zu; ihre grenzenlose Vereinsamung hingegen wird von der Außenwelt nicht wahrgenommen. Sie werden, wie der Sozialdienst Katholischer Männer e. V. in Bocholt formulierte, zu „vergessenen Kindern“.

Wieviel Suchtkranke und wieviel Kinder, die mit ihnen zusammenleben, gibt es in Deutschland? Für die westlichen Länder liegen Schätzzahlen vor. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren e.V. nennt folgende, auf Erfahrungswerten basierende Zahlen: 80 000 bis 100 000 Abhängige von illegalen Drogen; 500 000 bis 800 000 Medikamenten- und zirka zwei Millionen Alkoholabhängige. Etwa drei Millionen Kinder sind familiär mit ihnen verbunden.

Die am häufigsten zu beobachtenden Verhaltensweisen dieser Kinder erläutert der Wiesbadener Pädagoge und Psychotherapeut Klaus Lenz folgendermaßen: Nicht anders als beim Rollenspiel Erwachsener will auch das Kind, daß seine Rolle „Erfolg“ hat, das heißt den Lebensalltag erleichtert. Aus der Sicht des Knirpses bedeutet „Erfolg“ beispielsweise: für ein paar Stunden Zänkereien im Elternhaus verhindern zu können, einen Abend ohne betrunkene Mutter, randalierenden Vater zu erleben, „normale“ Eltern zu haben, die sich – o Wonne – um ihr Kind kümmern.

Probate Rolle ist die des Spaßmachers, des Clowns der Familie. Der kleine „Pfiffikus“ hat mehr als einmal erfahren, daß ein Purzelbaum im richtigen Augenblick, eine putzige Grimasse die Eltern zum Lachen bringt. Die schwelende Streitatmosphäre entspannt sich. Zwar klappt das nicht immer, doch manches Mal gelingt es, eine Zeitlang „gute Stimmung“ in die vier Wände zu zaubern.

Dies koboldhafte Kind, recht bald von den Eltern als willkommene Entspannungshilfe benutzt, wächst in die Rolle hinein. Aus der Rolle auszusteigen ist nicht mehr möglich. Beobachtet man das Kind außerhalb seiner Familie, wirkt es älter, als es ist – und traurig. Möglicherweise wird es als Erwachsener weiterhin „Stimmungsmacher“ sein und zugleich misanthropische Tendenzen entwickeln.

Die „Träumer“ treten für Uneingeweihte als vollkommen unproblematische Kinder in Erscheinung. Es sind die schweigenden, in sich gekehrten Kinder. Unter ihnen finden sich die phantasiebegabten Leseratten, die mit Alice durchs Wunderland ziehen. Sie haben keine Freunde, laden keine Spielkameraden zu sich ein. Letzteres geschieht aus verständlichem Grund. Sie scheuen sich, ihre Eltern „vorzuzeigen“.