Von Carl-Christian Kaiser

Die Partei tagt – aber wo steht sie? Und wer repräsentiert sie außer Helmut Kohl? Nicht wenigen kommt der bevorstehende Dresdener CDU-Konvent wie eine große Fassade vor. Sein Motto „Einheit leben“ hat etwas von einem Aufputschmittel für eine Partei, in der jede Lebendigkeit abgestorben ist. Genau besehen sind auch ihre Rezepte für die Jahrhundertaufgabe, die beiden deutschen Hälften zusammenzufügen, nur pragmatische Augenblickseinfälle. Und daneben gibt es, außer dem so mühseligen Marsch nach Europa, keine Ziele, die das Publikum fesseln.

Im Gegenteil: Das Publikum bringt der CDU im Westen, von Niedersachsen bis Rheinland-Pfalz, empfindliche Niederlagen bei. Wenn im Bund ihre demoskopischen Sterne noch einigermaßen günstig stehen, dann vor allem wegen des – von Wankelmütigkeit allerdings nicht freien – Anhangs im Osten. Beim jüngsten Test in Bremen hat die wachsende Distanz zu den Volksparteien die CDU ebenso getroffen wie die SPD. Zusammen haben die beiden Parteien dort nicht einmal siebzig Prozent der gültigen Stimmen und weniger als die Hälfte der Wahlberechtigten für sich gewinnen können.

Auch soziologisch beginnt die Union von der Substanz zu leben. Seit 1984 hat sie im Westen gut 70 000 Mitglieder verloren; nur dem Zuzug aus dem Osten verdankt sie, daß der Saldo nicht noch schlimmer aussieht. Aber fast die Hälfte der jetzt rund 700 000 Parteigänger lebt im fortgeschrittenen Alter. Am chronischen Desinteresse der Frauen, zumal der jüngeren, ja der jungen Leuten überhaupt hat sich nichts geändert. Pars pro toto: Von den 6525 Mitgliedern, welche die CDU Anfang vorigen Jahres in dem für die Partei nicht ungünstigen Erftkreis zwischen Bonn und Köln zählte, waren 74,3 Prozent männlich und nur 25,7 Prozent weiblich.

Auch viele andere Daten und Impressionen sprechen dafür, daß sich die CDU nicht auf der Höhe der Zeit bewegt. Wo immer man im Westen hinkommt, macht sie einen auf sich eingekrümmten Eindruck – in Baden-Württemberg, wo sie im nächsten Frühjahr ihre Mehrheit behaupten muß, nicht anders als in Niedersachsen, wo sie 1990 die Regierung abgeben mußte. Die Union sei ausgeblutet, konstatiert Jürgen Gansäuer, der Vorsitzende der CDU-Fraktion im Hannoverschen Landtag. Von „Ausdünnung“ und der Gefahr einer Reduzierung auf „Matritzendreher und Obermauschier“ spricht sein baden-württembergischer Kollege Günther Oettinger.

Der Rückblick zeigt, wieviel intellektuelle Potenz die Union über die Jahre verloren hat. Richard von Weizsäcker schied, als er zum Bundespräsidenten gewählt wurde, aus der Parteiarbeit aus; für die verstorbenen Außenpolitiker Werner Marx und Alois Mertes ist niemand nachgewachsen; die Ministerpräsidenten Albrecht, Wallmann, Späth und Bernhard Vogel verloren ihre Ämter; Heiner Geißler hat zwar in der Bundestagsfraktion wieder Boden unter den Füßen, sitzt aber nicht mehr, wie einst als Parteigeneral, an einer Schaltstelle. Statt dessen ist Helmut Kohl inzwischen überall.

Seine Stellung als Kanzler und Parteichef sei, sagt zum Beispiel Norbert Lammert, Vorsitzender der Ruhr-CDU und parlamentarischer Staatssekretär im Bildungsministerium, nur noch mit der Konrad Adenauers zu vergleichen; nichts von Belang – oder was Kohl für belangvoll hält – gehe mehr ohne ihn, nicht einmal die geringste Personalentscheidung. Tatsächlich ist der überlange Arm des Chefs überall zu spüren. Wehe dem, der Illoyalität erkennen oder auch nur den Anschein eines Schritts vom Wege entstehen läßt. Der große Vorsitzende, sagt einer, der seine Erfahrungen gemacht hat, „tritt jedes Feuerchen sofort aus“.