Von Karl-Heinz Janßen

Soldaten der Ostfront ... meine Kameraden ... Soldaten ... Kameraden ..." Zum zweitenmal in diesem Wendejahr 1941 mußten sich die Männer der Heeresgruppe Mitte in der Nacht zum 2. Oktober einen Tagesbefehl ihres Obersten Befehlshabers vorlesen lassen. Den ersten hatte er ihnen dreieinhalb Monate zuvor mit auf den Weg gegeben, ehe sie über den Grenzfluß Bug in die russischen Weiten aufbrachen. Das Ziel hieß Moskau. Gewaltige Schlachten, unermeßliche Strapazen und viel zu viele Gräber lagen hinter ihnen, aber von Moskau trennten sie immer noch 350 Kilometer.

Nun aber, verkündete ihr "Führer" Adolf Hitler, seien die Voraussetzungen geschaffen "zu dem letzten gewaltigen Hieb, der noch vor dem Einbruch des Winters diesen Gegner zerschmettern soll". Er wies seiner Wehrmacht eine historische Mission zu: Sie würde vom Deutschen Reich und von ganz Europa eine Gefahr hinwegnehmen, "wie sie seit den Zeiten der Hunnen und später der Mongolenstämme entsetzlicher nicht mehr über dem Kontinent schwebte". Und: "Dieser Feind besteht nicht aus Soldaten, sondern zum großen Teil nur aus Bestien."

Feldpostbriefe belegen, wie leicht es war, junge, gläubige Soldaten zum Haß auf die "Untermenschen" zu erziehen. So schreibt ein Unteroffizier am 15. Oktober 1941: "Oft kommen uns Gefangene entgegen – einzeln oder in Massen – stumpf, tierisch und zerlumpt – und doch oft heimtückisch." Wen wundert es da noch, daß in diesen Wochen vom General bis zum Gefreiten ungezählte Deutsche ungerührt oder hilflos zusehen, wie die russischen Gefangenen zu Zehntausenden verhungern, auf den Märschen erschöpft zusammenbrechen und zu Hunderten erschossen werden?

Hitler vergaß in seinem Tagesbefehl auch das ihm Wichtigste nicht: die ideologische Rechtfertigung des Raub- und Eroberungskrieges, seine antisemitische Wahnvorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung. Das Ostheer habe ja im "Paradies der Arbeiter und der Bauern" eine unvorstellbare Armut kennengelernt; sie sei, so meinte er, "das Ergebnis einer nunmehr bald 25jährigen jüdischen Herrschaft, die als Bolschewismus im tiefsten Grund nur der allergemeinsten Form des Kapitalismus gleicht". Die Träger des Systems seien die gleichen: "Juden und nur Juden".

Das war nicht einfach so dahergesagt. In diesen Wochen, wo er dem Bolschewismus "den tödlichen Stoß" versetzen wollte, wurden die Listen für die Deportation der deutschen Juden in die besetzten Ostgebiete zusammengestellt, begingen Einsatzgruppen des SD (wohlgemerkt: "im Verband des Heeres") ihre Massenmorde an russischen und ukrainischen Juden.

In manchem kriegshistorischen Werk über die Winterschlacht vor Moskau wird dieser Zusammenhang ignoriert, darum ist er hier vorangestellt. Die militärischen Daten seien dennoch nicht verschwiegen: Die Heeresgruppe Mitte unter dem Oberbefehl des Generalfeldmarschalls Fedor von Bock (der, hager und schmallippig, so aussah, wie sich britische Karikaturisten einen Preußen vorstellen) trat an mit 1 929 406 Mann, 1220 Panzern, 14 000 Geschützen und Werfern; unterstützt wurde sie von der Luftflotte 2 unter Generalfeldmarschall Albert Kesselring mit 1387 Flugzeugen, darunter das Jagdgeschwader des populären Kriegshelden Werner Mölders. Monströseres hatte die Welt noch nicht gesehen: drei Armeen und drei Panzergruppen mit rund 78 Divisionen auf einer Frontbreite von 500 Kilometern. Hitler brüstete sich: "Ungeheure Lager an Verpflegung, Treibstoff und Munition liegen bereit! Alle Vorbereitungen sind – soweit sie Menschen meistern können – nunmehr fertig."