Von Karl-Heinz Janßen

Soldaten der Ostfront ... meine Kameraden ... Soldaten ... Kameraden ..." Zum zweitenmal in diesem Wendejahr 1941 mußten sich die Männer der Heeresgruppe Mitte in der Nacht zum 2. Oktober einen Tagesbefehl ihres Obersten Befehlshabers vorlesen lassen. Den ersten hatte er ihnen dreieinhalb Monate zuvor mit auf den Weg gegeben, ehe sie über den Grenzfluß Bug in die russischen Weiten aufbrachen. Das Ziel hieß Moskau. Gewaltige Schlachten, unermeßliche Strapazen und viel zu viele Gräber lagen hinter ihnen, aber von Moskau trennten sie immer noch 350 Kilometer.

Nun aber, verkündete ihr "Führer" Adolf Hitler, seien die Voraussetzungen geschaffen "zu dem letzten gewaltigen Hieb, der noch vor dem Einbruch des Winters diesen Gegner zerschmettern soll". Er wies seiner Wehrmacht eine historische Mission zu: Sie würde vom Deutschen Reich und von ganz Europa eine Gefahr hinwegnehmen, "wie sie seit den Zeiten der Hunnen und später der Mongolenstämme entsetzlicher nicht mehr über dem Kontinent schwebte". Und: "Dieser Feind besteht nicht aus Soldaten, sondern zum großen Teil nur aus Bestien."

Feldpostbriefe belegen, wie leicht es war, junge, gläubige Soldaten zum Haß auf die "Untermenschen" zu erziehen. So schreibt ein Unteroffizier am 15. Oktober 1941: "Oft kommen uns Gefangene entgegen – einzeln oder in Massen – stumpf, tierisch und zerlumpt – und doch oft heimtückisch." Wen wundert es da noch, daß in diesen Wochen vom General bis zum Gefreiten ungezählte Deutsche ungerührt oder hilflos zusehen, wie die russischen Gefangenen zu Zehntausenden verhungern, auf den Märschen erschöpft zusammenbrechen und zu Hunderten erschossen werden?

Hitler vergaß in seinem Tagesbefehl auch das ihm Wichtigste nicht: die ideologische Rechtfertigung des Raub- und Eroberungskrieges, seine antisemitische Wahnvorstellung von einer jüdischen Weltverschwörung. Das Ostheer habe ja im "Paradies der Arbeiter und der Bauern" eine unvorstellbare Armut kennengelernt; sie sei, so meinte er, "das Ergebnis einer nunmehr bald 25jährigen jüdischen Herrschaft, die als Bolschewismus im tiefsten Grund nur der allergemeinsten Form des Kapitalismus gleicht". Die Träger des Systems seien die gleichen: "Juden und nur Juden".

Das war nicht einfach so dahergesagt. In diesen Wochen, wo er dem Bolschewismus "den tödlichen Stoß" versetzen wollte, wurden die Listen für die Deportation der deutschen Juden in die besetzten Ostgebiete zusammengestellt, begingen Einsatzgruppen des SD (wohlgemerkt: "im Verband des Heeres") ihre Massenmorde an russischen und ukrainischen Juden.

In manchem kriegshistorischen Werk über die Winterschlacht vor Moskau wird dieser Zusammenhang ignoriert, darum ist er hier vorangestellt. Die militärischen Daten seien dennoch nicht verschwiegen: Die Heeresgruppe Mitte unter dem Oberbefehl des Generalfeldmarschalls Fedor von Bock (der, hager und schmallippig, so aussah, wie sich britische Karikaturisten einen Preußen vorstellen) trat an mit 1 929 406 Mann, 1220 Panzern, 14 000 Geschützen und Werfern; unterstützt wurde sie von der Luftflotte 2 unter Generalfeldmarschall Albert Kesselring mit 1387 Flugzeugen, darunter das Jagdgeschwader des populären Kriegshelden Werner Mölders. Monströseres hatte die Welt noch nicht gesehen: drei Armeen und drei Panzergruppen mit rund 78 Divisionen auf einer Frontbreite von 500 Kilometern. Hitler brüstete sich: "Ungeheure Lager an Verpflegung, Treibstoff und Munition liegen bereit! Alle Vorbereitungen sind – soweit sie Menschen meistern können – nunmehr fertig."

Bei Lichte besehen war alles nur halbfertig, improvisiert, unzulänglich. Mit dem gleichen Leichtsinn, mit dem Hitler und seine Generalität im Juni das "Unternehmen Barbarossa" gestartet hatten, brachen sie nun die "Operation Taifun" vom Zaun. Mit einem schwerwiegenden Unterschied: Das Ostheer war viel schwächer als am Anfang. Fast alle Divisionen hatten blutige Kämpfe hinter sich und benötigten dringend Auffrischung und Ruhe; lediglich zwei von vierzehn Panzerdivisionen waren unverbraucht.

Die Panzergruppe 2 des legendären Generalobersten Heinz Guderian, die unmittelbar aus der Riesenschlacht bei Kiew heranrollte, hatte nur noch zwanzig Prozent ihrer durchschnittlichen Panzerstärke. An Kraftfahrzeugen und Zugmaschinen für die Artillerie war nur noch ein Drittel des ursprünglichen Bestandes da. Der Infanterie fehlten 220 000 Mann, aber es gab keinen Ersatz mehr – das Oberkommando des Heeres hatte auch seine beiden letzten Reserve-Divisionen hergegeben. Allein für den Spritverbrauch hätte die Heeresgruppe täglich 29 Eisenbahnzüge benötigt, 22 waren zugesagt, und diese Zusage wurde nie erfüllt! Die Artillerie war gehalten, mit Granaten sparsam umzugehen.

Aber die Energie, mit der sich das deutsche Ostheer noch einmal aufschwang, und das noch ungebrochene Überlegenheitsgefühl sollten all diese Schwächen wettmachen. Beinahe lyrische Töne stimmte Generalstabschef Franz Halder an: "Heute sind meine Soldaten in Richtung Moskau zum Großangriff angetreten Um diese Operation habe ich gekämpft und gerungen. Ich hänge an ihr wie an einem Kinde, um das man schwer gelitten hat." Es ging ihm – und auch Hitler – nicht in erster Linie um die Stadt Moskau, sondern um die acht Armeen Marschall Timoschenkos, die vor der Hauptstadt standen. Sie sollten zerschlagen werden, um Rußland das Rückgrat zu brechen.

Das Nazi-Reich brauchte diesen Erfolg aus vielerlei Gründen. Der "Blitzkrieg", der die Sowjetunion spätestens binnen drei Monaten "erledigt" haben sollte, hatte nicht funktioniert. Jetzt redete sich Hitler damit heraus, der deutsche Musketier müsse schließlich erst die riesigen Weiten durchmarschieren – das hätte er vorher wissen können.

Ein Diktator kann sich keine Prestigeeinbuße leisten. Hitler spürte, wie die Stimmung im Volke bedrückter wurde, wie die von ihm umworbenen Mittelmeer-Anrainer Türkei, Spanien und das unbesetzte Vichy-Frankreich, die seinen Endkampf gegen die britische Vorherrschaft erleichtern sollten, desto mehr zögerten, je länger der Rußland-Feldzug dauerte. Wie lange würde Italien noch bei der Fahne bleiben? Und wieviel Zeit hatte er noch bis zum absehbaren Kriegseintritt Amerikas, das ungeachtet seiner Neutralität bereits an der Seite Englands deutsche U-Boote bekämpfte, Truppen auf Island gelandet hatte und nun auch mit Materiallieferungen offen die Sowjetunion unterstützte?

Denn nur, wenn er uneingeschränkt über die Schwerindustrie, das Erdöl und die Kornkammern der Sowjetunion verfügte, konnte er sich eine Chance ausrechnen, im "Weltenkampf" gegen die angelsächsischen Seemächte zu bestehen. Sein ungewöhnliches Verhalten, einen noch gar nicht errungenen Endsieg im voraus bekanntzugeben, konnte sich Staatssekretär Ernst von Weizsäcker vom Auswärtigen Amt nur so erklären, daß sich Hitler davon eine einschüchternde, womöglich den Frieden herbeizwingende Wirkung auf Amerika und England versprach.

Zunächst ließ sich alles vielversprechend an. Bei strahlendem Herbstwetter brach der "Taifun" über das russische Kernland herein. Die Russen wurden völlig überrumpelt – sie hatten nicht damit gerechnet, daß die Deutschen so kurz vor der Regen- und Schlammperiode, der rasputiza, wo in Rußland nichts mehr geht, noch eine Offensive beginnen würden. Binnen einer Woche konnten die deutschen Panzerzangen die sowjetischen Großverbände bei Wjasma und Brjansk einschließen; die Infanterie rückte nach, um die beiden Kessel "auszuräumen".

Abermals posaunte das Oberkommando der Wehrmacht irrsinnige Siegeszahlen in die Welt hinaus: 683 000 Gefangene, 80 Divisionen zerschlagen, 1242 Panzer und 5412 Geschütze erbeutet oder zerstört. Damit, so befand Generaloberst Alfred Jodl, einer von Hitlers nächsten Beratern, habe Deutschland "endgültig und ohne Übertreibung den Krieg gewonnen". Reichspressechef Otto Dietrich trat am 9. Oktober in Berlin mit glücklich-übermütigem Gesicht vor die Journalisten und wiederholte, was ihm sein "Führer" in die Feder diktiert hatte: "Die Sowjetunion ist mit diesem letzten gewaltigen Schlage ... militärisch erledigt." Die Spitzel des Heydrichschen SD hörten das Volk geradezu aufatmen ob dieser befreienden Nachrichten, hatte es doch allerorten bängliche Zweifel gegeben, als dieser Feldzug noch immer nicht enden wollte und die Todesanzeigen mit dem Eisernen Kreuz in den Zeitungen täglich zunahmen.

Mitnichten war der Feldzug gewonnen. Zwar hetzten die Panzer Hoths, Hoepners und Guderians schon auf den Rollbahnen gen Moskau weiter, aber Teile ihrer Panzergruppen mußten noch die "wandernden Kessel" begleiten. Auch die Infanterie wurde in verlustreichen Kämpfen aufgehalten. Die sowjetischen Armeen wehrten sich verzweifelt und versuchten immer wieder auszubrechen, oft mit Erfolg. Gnadenlos schickte Stalin seine Soldaten Welle um Welle ins Feuer – er wollte Zeit gewinnen, um die tiefgestaffelten Verteidigungsstellungen vor Moskau zu vollenden.

Zu Zehntausenden wurden Hausfrauen, Greise und Kinder aus Moskau zum Schanzen herangekarrt. Sie buddelten eine Million Panzer- und Schützengräben, tarnten Bunker, errichteten Baum- und Drahtsperren, legten MG- und Werferstellungen an.

Sie waren noch längst nicht fertig mit ihrer Arbeit, da brachen am 14. Oktober schon die deutschen Panzerspitzen westlich von Moskau bei Moschaisk in das vorgelagerte Verteidigungssystem ein. Vorneweg das Regiment "Deutschland" der SS-Infanteriedivision "Das Reich". Ihr Kommandeur hatte seine Pioniere vorgezogen, galt es doch, ein ausgeklügeltes Schreckenswerk zu knacken: fernzündliche Flammenwerfer, Minenfelder, Sümpfe, Verhaue, Waldstellungen. Gut getarnte Geschütze und die gefürchteten "Stalinorgeln" hielten die Deutschen unter konzentriertem Feuer. Erbittert wehrten sich die russischen Eingreifreserven. Sie kämpften auf historischem Boden, dem Schlachtfeld von Borodino, wo 1812 die Truppen des Zaren zum erstenmal der Grande Armee Napoleons die Stirn geboten hatten.

Im Nordwesten eroberte die Panzergruppe 3 am 14. Oktober Kalinin, das historische Twer, samt einer freien Wolgabrücke; im Südwesten zog die 4. Armee in Kaluga ein. Doch die 4. Panzerdivision, die im Süden als Speerspitze der Gruppe Guderian schnurstracks auf der Rollbahn von Orel nach Tula durchbrausen sollte, um sich dann östlich Moskaus mit der von Norden kommenden Panzergruppe 2 zu vereinen, blieb erst einmal hängen. Sie erlebte "böse Stunden" und erlitt "betrübliche Verluste", als sie von nagelneuen sowjetischen T 34-Panzern angegriffen wurde, denen die Deutschen nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen hatten. Weder der Panzer IV noch die Pakgeschütze konnten ihnen etwas anhaben; allenfalls mit den 8,8-Zentimeter-Flakgeschützen war ihnen beizukommen.

Der unerwartete, verbissene Widerstand in den "Kesseln" und vor den Toren Moskaus war es nicht allein, der die Deutschen aufhielt: Am 13. Oktober kam die Regenzeit.

Schon waren die deutschen Zeitungsredaktionen Mitte Oktober angewiesen, Spalten für eine Sondermeldung freizuhalten – man erwartete stündlich einen Handstreich gegen Moskau. Doch Stalin hatte vorgebaut. Er ließ General Georgij Schukow, der schon ein paarmal als Retter in der Not eingegriffen hatte, aus dem belagerten Leningrad zurückholen. Am 7. Oktober, angeschlagen von den Hiobsbotschaften und von einer Grippe, empfing er ihn auf seiner Datscha. Der Diktator zeigte auf die Karte: Er hatte keinen Überblick mehr über die Situation an der Front. Schukow begab sich sofort zu den Armeestäben im Vorfeld Moskaus: Die Lage war fatal. Jeden Augenblick konnten feindliche Panzer am äußeren Verteidigungsring Moskaus auftauchen. Daraufhin ernannte Stalin am 10. Oktober seinen fähigsten General zum Befehlshaber der Westfront. Dessen erster Tagesbefehl: "Kein Schritt zurück! Vorwärts fürs Vaterland!"

Inzwischen hatte das Staatliche Verteidigungskomitee die Zerstörung von 1119 Betrieben angeordnet: Rüstungsbetriebe, die Elektroanlagen der Metro, alle Bahnhöfe und Verkehrsbetriebe, die Telegraphenämter, Elektrizitätswerke und das Gebäude der Nachrichtenagentur Tass. Viele Kostbarkeiten aus den Galerien und Museen, historische Archive und zuletzt auch der Sarkophag Lenins wurden fortgebracht. Als am 13. Oktober an allen westlichen Zufahrtsstraßen heftige Kämpfe einsetzten, beschlossen die Kommunisten, die halbe Bevölkerung der Vier-Millionen-Stadt – Alte, Frauen, Kinder, Arbeiter ausgelagerter Industrien – zu evakuieren. Die höchsten Partei-, Regierungs- und Militärbehörden und das Diplomatische Korps mußten sofort in das 900 Kilometer entfernte Kubyschew umziehen.

Kaum hatte Radio Moskau gemeldet, die Lage an der Westfront habe sich verschlechtert, war kein Halten mehr in der Stadt. Eine Panik brach aus. Alle Bahnhöfe wurden gestürmt, alle Straßen nach Osten waren verstopft. Zehntausende, mit oder ohne Erlaubnis, flohen mit Autos oder zu Fuß vor den Deutschen. Direktoren ließen ihre Fabriken, Funktionäre ihre Ämter im Stich. Warenhäuser und leerstehende Wohnungen wurden vom Mob geplündert. Lagerhäuser verschenkten ihre Lebensmittelvorräte an die Bevölkerung.

Anderntags standen alle Betriebe in Moskau still, niemand arbeitete mehr. Während aus der Ferne das dumpfe Grollen der Geschütze zu hören war und jede Nacht deutsche Flugzeuge ihre Bomben über Moskau abwarfen, schwirrten Gerüchte durch die Stadt: Stalin sei gestürzt, der NKWD aufgelöst, die Regierung geflohen.

Jahrzehntelang hielt sich die Version, auch Stalin habe damals die Nerven verloren und sei für einige Tage verschwunden. Was dahintersteckte, hat erst vor kurzem der Historiker Alexander Samsonow enthüllt. Die entscheidende Passage aus dem Parteibeschluß vom 15. Oktober ist bislang verheimlicht worden: "Genosse Stalin bringt sich morgen oder später in Sicherheit – entsprechend den Umständen."

In den folgenden Tagen haben einige von Stalins Vertrauten – Geheimdienstchef Berija und die Politbüromitglieder Kagananowitsch und Malenkow – ihren "geliebten" Stalin beschworen, Moskau zu verlassen. Jüngere Forscher haben den Verdacht, die drei hätten dabei mehr an ihre eigene Karriere als an das Schicksal der Stadt gedacht. Doch nach längerem Nachdenken kam Stalin selber zu der einzig vernünftigen Erkenntnis: Wenn der Oberste Befehlshaber Moskau verließe, wäre das in den Augen der Verteidiger und der Bevölkerung Verrat; die Kampfmoral würde sinken, Moskau nicht mehr zu retten sein.

Über die Hauptstadt wurde der Belagerungszustand verhängt, mit nächtlicher Ausgangssperre. Panikmacher und Plünderer durften auf der Stelle erschossen werden. Allmählich kehrten wieder Ruhe und Zuversicht ein, um so mehr, als Schukow einen geordneten, durch tapfere Nachhuten abgedeckten Rückzug auf eine neue Verteidigungsstellung eingeleitet hatte.

Moskau veränderte völlig sein Gesicht – es wurde zur Festung. Hunderttausende schanzten in den Vororten; andere produzierten in den Fabriken leichte Waffen für die Verteidiger. Freiwillige Volkswehren und Arbeiterbataillone übten den Straßenkampf. Über den Dächern schwebten Fesselballons; mitten in der Stadt standen Barrikaden und Panzersperren. Auch NKWD und Stadtverwaltung faßten wieder Mut: Sie strichen die Brotfabriken und Kühlhäuser von der Sprengliste.

Die daheimgebliebenen Moskauer erfuhren jetzt, daß sich Stalin nach wie vor im Kreml aufhielt. Einmal fuhr er sogar in einem Panzerzug an die Front, natürlich nur bis zu den Stäben. Aber er war auch zu kühneren Selbstdarstellungen fahig. Am 7. November, dem 24. Jahrestag der Oktoberrevolution, stand er in eisiger Morgenluft mit dem Politbüro auf dem Lenin-Mausoleum und hielt eine Ansprache an die Fronttruppen, die sich auf dem verschneiten Roten Platz zur traditionellen Parade aufgestellt hatten. Jagdflieger sicherten den Himmel über Moskau.

Stalin erinnerte seine Soldaten an den ersten Jahrestag der Revolution, als drei Viertel des Landes von feindlichen oder konterrevolutionären Truppen besetzt waren und es noch nicht einmal eine Rote Armee gab. Wie damals werde auch diesmal, unter viel besseren Bedingungen, Lenins Geist den Kampf beflügeln. Wie ein stolzer, nationalbewußter Großrusse beschwor der Georgier jene Helden, welche die Deutschordensritter, die Tataren und die Polen besiegt hatten, und er rief den Vaterländischen Krieg von 1812 ins Gedächtnis, als Suworow und Kutusow das Napoleonische Heer aus dem Lande vertrieben hatten. "Zweifelt irgend jemand daran, daß wir die deutschen Eindringlinge schlagen können und schlagen werden?"

Vielleicht war dies Stalins größter Augenblick. Arbeiter, Bauern und Soldaten haben ihm, ungeachtet all seiner Grausamkeiten, jenen Auftritt nicht vergessen. Er gab seinem Volk in der dunkelsten Stunde die Selbstachtung wieder und erfüllte es mit der Hoffnung, das heilige Rußland werde siegen. So gestärkt, marschierten die Soldaten und rollten die Panzer wieder zurück in ihre Stellungen vor den Mauern der Stadt.

Von den deutschen Bombern abgesehen, hatte Moskau wochenlang Ruhe vor den Feinden gehabt. Die "Operation Taifun" war eingeschlafen, denn die Heeresgruppe Mitte saß Mitte Oktober im Schlamm fest.

Schukow nutzte die Misere des Gegners aus, indem er seine wenigen Truppen auf die Straßen und Autobahnen konzentrierte – denn nur dort konnten die Deutschen auch vorankommen. Auf der Autobahn Wjasma-Moskau explodierten täglich Zeitzünderminen, die Löcher von bis zu zehn Meter Tiefe und dreißig Meter Breite rissen, in denen sich das Wasser sammelte. Wollten die Angreifer links und rechts Bohlen über den Morast legen, mußten die Pioniere erst das Gelände entminen.

Die Qual jener Tage haben die deutschen Veteranen ihr Leben nicht vergessen, und so setzte sich denn in ihren Köpfe die Legende vom "General Schlamm" fest, der die Deutschen um ihren Sieg betrogen habe. Doch die Regenfälle waren in diesem Herbst sogar außergewöhnlich gering und hörten früher auf als sonst. Im übrigen trifft das Wetter immer Freund und Feind gleichermaßen; auch die Russen litten unter dem Schlamm, mußten von Lkw auf Panjewagen umladen. Nein, die armen Landser mußten nur das Versagen ihrer Führung ausbaden, doch darüber nachzudenken, waren sie schon zu abgestumpft.

Für den 13. November 1941 hat Generalstabschef Halder die Stabschefs der Heeresgruppen und einiger Armeen nach Orscha nahe Smolensk gerufen, in eine Stadt, wo die Deutschen rundum zehn Konzentrationslager unterhalten. Einziges Thema: Soll mit Frostbeginn die Offensive wieder aufgenommen werden? Die Mehrzahl der Generäle plädiert für sofortigen Rückzug in eine gutausgebaute Winterstellung, ja sogar vom Rückzug bis zur Reichsgrenze soll die Rede gewesen sein.

Aber die Oberkommandos von Heer und Wehrmacht, der ehrgeizige Feldmarschall von Bock, der noch einmal so einmarschieren möchte wie im Juni 1940 in Paris, und natürlich Hitler hatten nun völlig den Sinn für die Realitäten verloren. Generaloberst Halder meint allen Ernstes, die Russen könnten keine zusammenhängende Front mehr bilden, stärkere Kräfte lediglich noch in den Bereichen Moskau und Kaukasus konzentrieren. Dazwischen wäre also freier Raum für deutsche Vorstöße. Noch Wochen später wird Hitler, bar jeder Vernunft, sagen: "Wäre der Frost nicht gekommen, so wären wir weitergelaufen, 600 Kilometer, wir waren nahe daran!"

Doch die Kraft der Heeresgruppe Mitte reicht nicht einmal mehr aus, das Nahziel zu erreichen: die Einkreisung Moskaus. Schließlich einigt man sich, wenigstens bis zum Westrand der Stadt vorzudringen. Aber selbst das ist eine abstruse, um nicht zu sagen verbrecherische Idee: Ausgeblutete, entkräftete Armeen würden auf freiem Feld in Eis und Schnee kampieren müssen und den schweren Angriffen eines Gegners ausgesetzt sein, der den Vorteil der inneren Linie hat: ein dichtes Bahn- und Straßennetz, kurze Nachschubwege und außerdem die Luftüberlegenheit (Hitler hat Teile der Luftflotte 2 nach Sizilien verlegen müssen, damit die Italiener nicht Libyen an die Engländer verlieren).

Die Generäle leiden fast alle am "Marne-Trauma". Im September 1914 hatte sich der deutsche Vormarsch in Frankreich an der Marne erschöpft; als eine alliierte Gegenoffensive einsetzte, hatte der Generalstab die Nerven verloren und den Rückzug befohlen. Noch einmal will man sich einen vermeintlichen Sieg nicht entreißen lassen. Das "letzte Bataillon" wird den Ausschlag geben, und es wird ein deutsches sein. Halder ist "durchdrungen" von dem Gedanken, "daß der härtere Wille recht behält". Krieg des Willens, Triumph des Willens? Die Sprache verrät, wie sehr sich die Generalität schon mit Hitlers Visionen identifiziert.

Das ungeheuerlichste: Die Führung ist sich der Schwächen ihrer Truppe durchaus bewußt: Erfrierungen, verschlissenes Material, Kleidernot, Verlausung, zuwenig Panzer, zuwenig Brennstoff, zuwenig Munition, zuwening Proviant, kein Hafer für die Pferde – und keine Reserven. Halder tröstet sich bei dem Gedanken: "Den Russen geht es noch viel schlechter als uns." Er und Bock wollen Moskau mit "letzter Kraftanstrengung" angreifen.

So rollen am 15. November 1941 noch einmal die Panzer vor, marschieren aufs neue die Musketiere. Im Nordwesten gelingt es den Angreifern am Wolgastaudamm und am Moskwa-Wolga-Kanal, in den schwach besetzten Verteidigungsring einzudringen. Auf der Wolokolamsker Chaussee werfen sich Rotarmisten selbstaufopfernd mit Brandflaschen den Panzern entgegen und – halten sie auf.

Nach wilden Kämpfen müssen die Deutschen einen Brückenkopf am Kanal wieder räumen. An dieser kritischen Stelle kann Schukow den Durchbruch nur verhindern, indem er eine seiner geheimgehaltenen Reservearmeen ins Feuer schickt. (Der Retter heißt General Wlassow; später wird er, mit Hilfe der Wehrmacht und der SS, die Waffen gegen Stalin kehren und – am Galgen enden.)

Im Süden greift Guderian wieder an; er hat nur noch 150 Panzer; ohne Stollen bleiben sie an vereisten Hängen liegen. Seine alten Goslaer Jäger geben ihr Letztes, um statt Moskau wenigstens Tula zu bezwingen. Vergebens – auch die Panzergruppe 2 muß auf die ersehnten warmen Winterquartiere verzichten. Am nächsten an Moskau heran kommt noch am 2. Dezember eine Kampfgruppe, die den Vorort Chimki erreicht, achtzehn Kilometer vom Roten Platz entfernt. Ein Panzersperrendenkmal erinnert noch heute daran. Nur ein paar Offiziere haben die Zwiebeltürme des Kreml gesehen – durchs Scherenfernrohr...

Die Truppe kann einfach nicht mehr weiter. Denn nun beginnt die plötzlich einfallende bittere Kälte – Minustemperaturen bis zu 25 oder 30 Grad Celsius –, ihre Opfer zu fordern. Die meisten Soldaten sind dem Frost nahezu schutzlos preisgegeben. Ihre Winterkleidung liegt irgendwo auf polnischen Bahnhöfen, da die Züge – wenn nicht die Loks gerade eingefroren sind – Munition, Treibstoff und Proviant heranschaffen müssen. (Nach wie vor aber bringt jeden zweiten Tag ein Güterzug der Deutschen Reichsbahn jüdische Deportierte ins Ghetto nach Minsk!)

Es fehlt an Handschuhen, Kopfschützern und Wollwesten; in den zu engen Stiefeln erfrieren die Zehen; über die verschlissenen Sommerhosen ziehen viele ihr Drillichzeug. Erbarmungslos reißen die frierenden Soldaten russischen Gefangenen und Zivilisten ihre Filzstiefel und wattierten Jacken vom Leib. Sie plündern die Wohnungen in den eroberten Dörfern und Städten: Alles, was wärmt oder im Schnee tarnt, ist ihnen recht: Gardinen, Betten, Decken, Pelze, Damenhüte. Immer ähnlicher werden die Landser den Jammergestalten der Grande Armee nach dem Übergang über die Beresina. An das blamable Ende Napoleons in Rußland denkt nun jeder; nur Hitler verscheucht den Alptraum: Diesmal werde sich das napoleonische Schicksal an den Russen vollziehen ...

Auf einen Winterkrieg ist das Heer auch technisch nicht vorbereitet. Frostschutzmittel sind nicht zur Stelle. Autos und Panzer müssen alle Stunden warm durchlaufen, damit sie beweglich bleiben. Das Öl wird dick; Panzertürme drehen sich nicht mehr; Maschinengewehre schießen nicht mehr, Funkgeräte frieren ein.

Zwischen dem 3. und 5. Dezember beenden die Armeen der Heeresgruppe von sich aus den Angriff. Alle Anstrengung ist umsonst gewesen. Die oberste Führung rechnet es sich immerhin als Verdienst an, daß die Rote Armee zu keiner großen Gegenoffensive mehr fähig sei. Die frierenden, verlausten, hungernden, zerlumpten Soldaten der Heeresgruppe Mitte aber freuen sich auf einen "ruhigen Winterschlaf".

Schweres Artillerie- und Werferfeuer und das Heulen der Bomben reißen die Deutschen am Morgen des 5. Dezember 1941 am Frontabschnitt bei Kalinin jäh aus ihrer Illusion. Am nächsten Tag lebt die Schlacht auf der ganzen Frontbreite vor Moskau wieder auf. Mit achtzehn Armeen und mehr als einer Million Soldaten eröffnet die Rote Armee ihre Gegenoffensive. Alle Divisionen sind voll aufgefüllt, sieben Armeen sogar noch unverbraucht – die Stawka, Stalins Hauptquartier, hat sie aus dem Fernen Osten, aus Mittelasien und Sibirien herbeigeholt, ohne daß die deutsche Funk- und Luftaufklärung etwas bemerkt hätte.

Schukow und Stalin hatten die Nerven, den Kulminationspunkt der letzten deutschen Offensive abzuwarten. Die strategische Überraschung ist perfekt. Fast überall durchstoßen die sowjetischen Armeen die weit überdehnten deutschen Linien. Manche Divisionen können nur mit Mühe der Umzingelung entkommen. Die Rückzugsstraßen sind gesäumt mit Hunderten ausgebrannter Lkw, gesprengten Geschützen und Panzern. Was noch nie geschehen ist: Deutsche Soldaten rennen in Panik davon, sobald sich die T 34 nahen. Doch im Hinterland lauern neue Gefahren auf sie: Kosaken, Skibataillone und Partisanen.

Generaloberst Hoepner schreibt am 12. Dezember verzweifelt: "Die Masse der Russen erdrückt uns. Ihre Kampfmoral ist gering. Aber unsere Leute sind übermüdet, schlafen im Stehen ein, sind so stumpf, daß sie sich nicht mehr hinwerfen, wenn geschossen wird. Erfrierungen sind fast zahlreicher als blutige Verluste."

Alle haben das Schicksal Napoleons leibhaft vor Augen, jetzt auch Hitler in seinem ostpreußischen Hauptquartier, tausend Kilometer vom Schuß entfernt. In stundenlangen Telephongesprächen ringt er mit den Frontbefehlshabern, die aus Angst vor Einkreisung immer neue Rückzüge planen. Hitler jedoch befürchtet, daß dann erst recht alles ins Rutschen gerät und immer mehr unersetzliches schweres Kriegsmaterial verlorengeht. Solange noch keine Winterstellungen ausgebaut sind, soll jede Einheit dort halten, wo sie steht, egal ob durchgebrochene Russen in der Flanke oder im Rücken stehen. Unter persönlichem Einsatz sollen Befehlshaber, Kommandeure und Offiziere ihre Soldaten zum fanatischen Widerstand zwingen.

Es ist die Zeit, da auch die Generäle nachts schlecht schlafen, Nerven zeigen, sich untereinander angiften oder am Ende gar schwer erkranken wie der Oberbefehlshaber des Heeres, Feldmarschall von Brauchitsch. Nach seinem Rücktritt reißt Hitler selber den Oberbefehl an sich. Jetzt kann er bis in die Regimenter hineinkommandieren. Feldmarschall von Bock gibt sein Kommando ab; 35 Korps- und Divisionskommandeure werden in diesem Winter von Hitler gefeuert.

Als der Panzergeneral Hoepner eigenmächtig wegen drohender Umfassung, durch den Feind einen Rückzug befiehlt, um den ihm anvertrauten 200 000 Soldaten Leben und Freiheit zu retten, statuiert Hitler ein Exempel: Hoepner wird unehrenhaft aus der Wehrmacht ausgestoßen. (Nach dem Putschversuch vom 20. Juli 1944 wird ihn Hitler an den Galgen bringen.) Sein Panzerkamerad Guderian wird ebenfalls seines Postens enthoben; er war sogar zu Hitler geflogen, um ihm persönlich die Haltebefehle auszureden. "Sie haben zuviel Mitleid mit ihren Soldaten", bekam er vom Diktator zu hören.

"Dies war der Augenblick, in dem die Führungskraft Hitlers auf dieselbe Probe gestellt wurde wie kurz zuvor diejenige Stalins", schreibt Alan Bullock in seiner Doppelbiographie der Diktatoren zur Winterschlacht. Auch Hitler hat die Demoralisierung verhindert und dem Rückzug Einhalt geboten. Selbst dann noch können die Russen ihren Feind um zwei- bis dreihundert Kilometer zurücktreiben.

So wie sich Hitler seit dem Sieg über Frankreich für den größten Feldherrn hielt, sah er sich nun als genialen Abwehrstrategen und hat doch nur das primitive Rezept Stalins nachgeahmt. Das "Halten um jeden Preis" wird zum starren Prinzip, dem bald ganze Armeen und Heeresgruppen und schließlich ganz Deutschland geopfert wurden.

Die "planmäßigen" Rückzüge der Deutschen (als "Frontbegradigungen" verbrämt) zogen neue Verbrechen nach sich. Hitler befahl "verbrannte Erde" zu hinterlassen. Hunderte von Dörfern gehen in Flammen auf. Hier und da treiben flüchtende Soldaten die Einwohner als Kugelfang vor sich her. Ehe sie die Stadt Kalinin (200 000 Einwohner) räumten, sprengten sie alle Wolgabrücken, alle Krankenhäuser und Bibliotheken. 16 000 der 28 000 Wohnhäuser werden zerstört, vom Rest bleiben nur die Fassaden stehen. Vor der Feuersbrunst werden noch Lkw mit Möbeln und Büchern aus dem Puschkinmuseum beladen. Die Befreier der Roten Armee fanden im Stadtbereich die Massengräber von 57 000 Kriegsgefangenen und Zivilisten, die während der zweimonatigen Besetzung der Stadt ermordet wurden. Eingedenk solcher Taten schrieb der Oberstleutnant Hellmuth Stieff, selber als amtierender Armeebefehlshaber Augenzeuge der Winterschlacht, am 13. Dezember 1941 über diese erste große Katastrophe des deutschen Heeres: "Es war ja auch notwendig und ist wohl die gerechte Strafe für derart viel Vermessenheit eines undeutschen Systems von Rachgier und Mordlust..."