Von Benjamin Henrichs

Schwierig ist es mit der Liebe. Das ist bekannt und sonnenklar. Von den spezifischen Problemen des mongolischen Menschen in dieser Angelegenheit allerdings weiß der Abendländer wenig bis nichts. Jetzt kommt etwas Licht in die dunkle Affäre. Des Rätsels Lösung hat vier Buchstaben und heißt genauso wie Nikita Michalkows neuer, in Venedig preisgekrönter Film: "Urga".

Urga, das ist der lange Hirtenstab der Mongolen. Vorne hat er eine Schlaufe, wie ein Lasso, zum Einfangen entlaufener Tiere. Das ist die technische, die kriegerische Seite des Gerätes. Aber dann ist der Stab auch noch geschmückt mit einem feuerroten Tuch – und dies deutet auf gewissermaßen romantische Zusammenhänge hin.

Gombo, der Mongole, hat Probleme mit der Liebe. Das Hauszelt, die Jurte, ist nicht gerade ein poetischer, die Sinne belebender Ort: Alle schlafen unter einem einzigen Dach, der Mann und die Frau, die Großmutter und die drei kleinen Kinder. Und wenn man dann noch einen Hausgast hat, wie jetzt diesen Sergej, diesen sonderbaren russischen Lastwagenfahrer, kann auch eine mongolische Vollmondnacht ziemlich lang und langweilig werden.

Für den verliebten Abendländer gibt es auch draußen verborgene, schattige Plätze genug – ob im finstern Tann oder unterm Holunderbusch. Der Mongole hat nur die Steppe: Wiesen und Wasser ohne Zahl, aber kein Baum, kein Strauch, kein Versteck. Also rammen der Mongole und die Mongolin einfach den langen, rotbetuchten Hirtenstab in die Erde – kein Steppenwanderer würde es wagen, sich der Stätte zu nähern. Das also ist das Geheimnis von "Urga" – und fast schon das Ende von Nikita Michalkows Film.

Wo aber der Anfang des Films ist, das ist schon wieder ein Geheimnis. Am Anfang oder irgendwo mittendrin? Oder nirgendwo? Die Steppe ist eine Landschaft ohne Anfang und ohne Ende und bar jeder kinohaften Dramatik. Hügel, Wiesen, Wasser, Himmel. Die Welt ist hier, wie sie vor dem Geschufte der Schöpfung gewesen sein mag – weit und leer. Michalkows Film scheint dem Ort, an dem er gedreht wurde, beim Drehen immer ähnlicher geworden sein. Vielleicht ist dies das ganze Geheimnis.

Die Steppe ist ein Beinahe-Paradies und eine Beinahe-Wüste: Fürs Paradies fehlen ihr die Bäume und Früchte, für eine Wüste hat sie viel zuviel Gras und Wasser. Man kann also gar nicht sagen, ob die Bewohner der Steppe so glücklich sind wie die ersten Menschen oder so verlassen wie die letzten. Und sie selber sagen es schon gar nicht. Und zum Glück weiß auch Michalkows Film keine Antwort.