Von Reiner Scholz

Ja, weiß denn niemand mehr, was es mit der Martinsgans auf sich hat? Dabei war doch die „Legende von Sankt Martin“ erst in der letzten Stunde dran. Macht nichts. Für heute hat der väterlich freundliche Oberstudienrat eine weitere Geschichte ausgesucht: „Der Spielmann“. Er nimmt Platz hinter dem Pult und liest bedächtig vor. „In Mainz lebte einst...“ Danach dürfen die Schüler ihrem Lehrer das Wichtigste in die Hand diktieren, die es an die Tafel schreibt.

Ein Gespräch über den Text ist nicht vorgesehen. Doch kurz vor Schluß platzt es aus einem der Schüler heraus. Der böse Spielmann wird nämlich ausgerechnet „zum Galgen“ verurteilt. „Wissen Sie eigentlich, wie es die im Wilden Westen mit dem Galgen machen?“ ruft der Schüler in die Klasse und beantwortet seine Frage sogleich selbst. Was alles so im Fernsehen vorkommt! Als der Studienrat merkt, daß am Ende der Stunde immer mehr Schüler mit den Stühlen kippeln, mit dem Nachbarn zanken oder an ihren Füllfederhaltern knispeln, erlaubt er: „Wer will, kann schon abschreiben.“

Da sitzen die Sextaner nun, etwa 1150 Minuten in der Woche, 40 250 Minuten im Schuljahr mehr oder weniger still und nehmen Lehrstoff auf, der von vorne geliefert wird. Das Los des Spielmanns interessiert nur mäßig, die Aufbereitung der Geschichte ist phantasielos. Die Wände des Klassenraumes sind kahl und schmutzig. Im Schulschrank an der Rückwand fehlen die Glasscheiben.

Wie oft hat dieser Oberstudienrat die schlichte Geschichte vom Spielmann wohl schon vorgekaut. Zehnmal? Zwanzigmal? Dabei sollte er einen anspruchsvolleren Unterricht halten. Die 28 Mädchen und Jungen machen einen pfiffigen Eindruck. In dieser fünften Klasse am Gymnasium in Hamburg-Eppendorf haben fast alle Schüler eine „Gymnasialempfehlung“ der Grundschule. Ihre Eltern sind Ärzte, Rechtsanwälte, höhere Beamte oder Schauspieler.

Einige Kilometer weiter südlich, im Arbeiterstadtteil Wilhelmsburg, sieht es ganz anders aus. Schulleiter Jürgen Trauernicht freut sich darüber, in diesem Jahr unter seinen 100 neuen Schülern am Gymnasium Wilhelmsburg „nur“ 21 ohne Gymnasialempfehlung zu haben. Normalerweise sind es ein Drittel und mehr Schüler, die in seinem Gymnasium anfangen, obwohl die Grundschule ihnen höchstens Real-, manchmal auch nur Hauptschule zutraut. Jedesmal redet sich der junge Direktor den Mund fußlig, und immer ist es wie in diesem Jahr: Nur ein Elternpaar konnte er überzeugen, sein Kind nicht in das Unglück laufen zu lassen, das ein Grundschul-Viererzeugnis für eine Gymnasialkarriere verheißt.

1964 erschien in der Wochenzeitung Christ und Welt eine Artikelserie, deren Folgen bis heute nachwirken, auch in Wilhelmsburg. Autor Georg Picht analysierte „Die deutsche Bildungskatastrophe“. Wo er hinsah, erkannte Picht Mangel. Zuwenig Abiturienten, zuwenig Lehrer, zuwenig Elternrecht, zuwenig Klassenräume, zuwenig Geld, zuwenig Planung und zuwenig Bildungspolitik. Die schonungslose Abrechnung rüttelte die Öffentlichkeit wach. Sie markierte den Anfang der großen Bildungsreform der sechziger Jahre. Vor allem unter den benachteiligten Gruppen, Mädchen, Katholiken, Arbeiter- und Landkindern, sollten neue „Bildungsreserven“ erschlossen werden.