Die Begegnung dauert stets nur wenige Sekunden. Kurz hinter der Autobahnausfahrt Lübeck-Moisling, am rechten Rand der A 1 in Richtung Hamburg, erscheint ein Bauernhaus, verblüffend nah, der Vorgarten grenzt fast an die Standspur, eine alte Frau sitzt vor dem Haus – und guckt.

Vielleicht denkt man, wenn man als Autofahrer in diesen wenigen Sekunden überhaupt etwas denkt: Wieso haben die Leute keine Lärmschutzwand? Oder: Wie ertragen die das bloß?

„Im Sommer, wenn wir nichts zu tun haben, dann sitzen wir da gerne und gucken die Autos an“, sagt Emilie Djuren, die 81jährige Besitzerin des Hauses. 50 000 Wagen kommen jeden Tag vorbei. Dieter Djuren, ihr Sohn, hat für sich und seine Mutter vor dem Haus zwei alte Bürosessel aufgestellt. Die beiden leben hier, seit es die A 1 gibt. Der Verkehr stört sie nicht. „Das hören wir gar nicht mehr“, sagt die alte Bäuerin und deutet vor sich in den Krach. „Wir wohnen hier ja sowieso so einsam, wir mögen das ganz gerne.“

Als Mitte der Dreißiger die Arbeiten an der A 1 begannen, stand das alte Haus der Djurens im Weg. „Damals sollten wir hier ganz verschwinden. Da hat mein Vater gesagt: Nein, ich will hier nicht weg, ich will drüben wieder aufgebaut werden. Da konnten sie nichts machen.“ Das Bauernhaus wurde abgerissen und am Rand der Autobahnbaustelle, etwa dreißig Meter von der Trasse entfernt, neu errichtet.

Damals ahnte niemand, was es später einmal heißen würde, an einer Autobahn zu wohnen. Die Nationalsozialisten propagierten das „Autowandern“, weil, so warb die Autobahnzeitung Die Straße, „kein anderes Verkehrsmittel eine so enge Verbundenheit des Reisenden mit Volk und Landschaft ermöglicht wie der Kraftwagen“.

Die Djurens hatten bloß einen Pferdewagen. „Als der Krieg ausbrach, da war die Autobahn ja leer. Da sind wir mit dem Pferdewagen über die A1 gefahren, um Sachen zu holen oder zur Mühle. Und wir haben unsere Kühe auf die Autobahn getrieben, damit sie da an den Kanten fressen. Futter war ja knapp.“

Nach Kriegsende fuhren nicht Auswanderer, sondern Flüchtlinge und Räuber über die neue Autobahn. „Die kamen hier nachts an, da mußten wir aufstehen, und dann haben die viel mitgenommen, Silber vor allem. Einmal drohten sie, uns alle zu erschießen. Was sollte man machen? Wir sind nachts immer aus dem Haus gegangen und haben woanders geschlafen.“