Ein Blick nach Süddeutschland wird wohl noch erlaubt sein? Wir nennen, versprochen, keine Namen. Und beginnen mit einem Geständnis: Auch wir lesen, wenn wir einmal frei sind von den Pflichten des Redakteurs, einfach als Leser gewissermaßen, die Buchkritik immer von hinten: Der letzte Absatz hilft ja nicht selten, sich den Rest zu ersparen. Doch was wir da neulich gelesen haben, geschrieben vom Kritiker L., ist ein derart schmissiges Finale, daß es umgekehrt erst richtig Lust macht auf das Ganze. „Ich kann nicht umhin, zu sagen, daß die Lektüre dieses Buches eine große Erfahrung meines inneren Lebens war“, heißt da der letzte Absatz der Buchkritik, „Erfahrung als ein Erkennen und Erkennen als ein Erlebnis.“ Da muß man einfach vorn beginnen und wird belohnt mit einer Frage: „Wie kann man nach vorne leben, wenn man weiß, daß man sterben muß?“ Vom Rhythmus scheint uns da im Satz ein „hinten“ zu fehlen: daß man hinten sterben muß. Gleichwohl: ein großer erster Satz und eine bescheiden angestimmte letzte Frage wunderbar in eins gesetzt. Chapeau! Und so führt uns Herr L. Stück für Stück, Absatz für Absatz, auf eine höhere Stufe. Die Frage, erfahren wir bald, laute nicht nur: „Wie kann man nach vorne leben, wenn man weiß, daß man sterben muß, sondern: wie soll man da überhaupt leben?“ Wir ahnten schon immer, daß es in der Literatur oder in den Köpfen ihrer Kritiker um Beachtliches geht. Doch nicht nur zu fragen, sind die Dichter und Rezensenten da, zu antworten ebenso. Meint jedenfalls Herr L.: „Wenn man weiß, daß die weitreichenden, zukunftsorientierten Projekte ständig bedroht sind von der Tatsache, daß das Leben jederzeit zu Ende sein kann, dann zählt nur noch der heutige Tag.“ Läßt er uns wissen. Gleich darauf das hier: „Und das ist vielleicht wirklich eine gute Regel: zu versuchen, alles, was man ist, tut, wahrnimmt und von einem selbst dem anderen gibt, so gut zu sein und zu tun, daß es gut genug ist für diesen Tag und an diesem Tag.“ Sage niemand, die Buchkritik habe nichts für den Alltag zu bieten. Wir jedenfalls können nicht umhin zu sagen, daß die Lektüre dieser Rezension uns eine große Erfahrung des inneren Lebens war. Ja, wirklich: Erfahrung als Erkennen und Erkennen als Erlebnis. Ein Erlebniserfahrungserkennen. Finis