Von Eric Le Boucher

Die Deutsche Mark wird also in einer neuen Währung aufgehen. Und das ist ein bedeutsamer Schritt für die Deutschen; denn sie verlieren schließlich ihr Nationalsymbol schlechthin. Aber nur wenigen Franzosen ist das bewußt. Im Gegenteil: In Paris hat man das Gefühl, daß sich Bonns Konzessionen in engen Grenzen halten; Maastricht führe nicht zu einem Europa à la française, sondern zu einem Europa à l’allemande.

In Frankreich ist unumstritten, daß sich Europa nicht auf einen großen Binnenmarkt mit eigener Währung beschränken darf. Der Kontinent müsse sich vielmehr für den „Wirtschaftskrieg“ mit Asien und Amerika wappnen, sich daher ein Entscheidungszentrum mit Kompetenzen in Wirtschaft und Politik zulegen. Sonst würde die Gemeinschaft rasch zerfallen, sind sich sozialistische Regierung und die meisten Unternehmer einig.

Ob in Industrie-, Landwirtschafts- oder Geldpolitik – in Paris ist man überzeugt, daß nationale Aktionen nicht mehr ausreichen, um für den internationalen Wettbewerb fit zu sein. Die europäischen Staaten seien einfach zu schwach. Das habe sich erst vor zwei Wochen wieder gezeigt: Wegen der hohen deutschen Zinsen war Finanzminister Pierre Bérégovoy – trotz niedriger französsicher Inflation – gezwungen, die Leitzinsen zu erhöhen.

Die Europäische Wirtschafts- und Währungsunion ist für Frankreich folglich in erster Linie ein Mittel, um seine Stimme wieder zur Geltung zu bringen. In der Markzone ist das Land heute dem Zinsdiktat aus Frankfurt ausgeliefert; innerhalb einer künftigen europäischen Zentralbank könnten die Franzosen ein Wörtchen mitreden.

„Frankreich ist eine mittlere Nation geworden. Innerhalb der Gemeinschaft könnte sie wieder zu einer Großmacht werden“, faßt Kommissionspräsident Jacques Delors die Überlegungen zusammen. Genauso wie ein Unternehmen mit einem anderen fusioniert, um eine für den Weltmarkt ausreichende kritische Größe zu erreichen, akzeptiert Frankreich die Integration in eine Struktur, die zwar umfassender, aber um so mächtiger ist.