Die Todesnachricht hat uns hinterrücks erreicht. Einzig der Artikel über Gerhard Roths "Archive des Schweigens" in unserer jüngsten Literaturbeilage hat den Tod des großen österreichischen Poeten in Deutschland annonciert.

Deshalb noch einmal für alle, die die Literaturbeilage nicht gelesen haben: Der Dichter Ernst Herbeck, genannt Alexander, ist am 11. September in seinem 71. Lebensjahr plötzlich und ohne Krankenlager in der psychiatrischen Anstalt Klosterneuburg, in welcher er 45 Jahre verbracht hat, verstorben. Er hinterläßt drei Gedichtbände, die alle im Handel nicht mehr erhältlich sind. Gedichte, die keiner, der die Dichter liebt, nicht kennen darf. Er hatte eine Hasenscharte, und seine Worte waren nur schwer zu verstehen. Immer wieder hörte er die Stimme einer Frau, die in ihm steckte. Eine "hübsche" Frau, die er nicht liebte und die ihn – vielleicht – liebte. Seine "Altern waren an Allem Schuld". Genaueres weiß man nicht. Ein "geordnetes Gespräch", so der Vertraute und Arzt Leo Navratil, konnte man mit dem Dichter nicht führen. "Es ist alles viel zu sehr umsonst", soll Herbeck gesagt und einen depressiven und tiefen Eindruck dabei gemacht haben.

In seinem ersten Gedichtband "Alexanders poetische Texte" aus dem Jahr 1977 hat Alexander zehn Lebensregeln niedergelegt. Regel 5 bis 9 lautet: "fertig". Die zehnte und letzte Regel: "Ende hui alles pfui!"

Seine liebsten (und unerreichbarsten) Beschäftigungen waren Ordnung machen und Geld verdienen. Geschrieben hat er nur, wenn sein Arzt ihm ein Thema, ein Papier und einen Stift gab. Er hat seine Texte nicht gesammelt und nicht an ihnen gefeilt und verbessert. Man konnte mit ihm über seine Gedichte nicht sprechen.

Sein Leben in dem von Leo Navratil gegründeten Gugginger Künstlerhaus war das Auf- und Abgehen, das Schweigen, die "Raucherpause", das Farbfernsehen, das Kaffeetrinken. Da gab es kein falsches Wort. "Eine angen. Unterhaltung", schreibt Alexander in dem Gedicht "Eine Angenehme Unterhaltung (von und mit Alexander)", "ist im warsten Sinne des Wortes eigentlich nur die Radioansagung".

So ist Alexander selbst in seinem Irrsal im wahrsten Sinne des Wortes eigentlich ein Alpenmensch: einfach und wortkrank, ins Cliché verliebt und von den Menschen vergiftet. Als ihm Leo Navratil einmal ein paar Zeilen aus Goethes "Egmont" zur Nachdichtung vorlegt, verwandelt er die mitteldeutschen Knüttelverse, das "himmelhochjauzend, zu Tode betrübt; glücklich allein / Ist die Seele, die liebt" – in österreichische Urlaute: "Es ist wirklich schwer zu leben. Pein, / Pein, Pein! Es betrübt zu Tode. / ist das Liebe!? / Leben – –."

Trotzdem gibt es das bekannte Welthassertum, den berühmten Österreich- und Östereicherhaß der anderen alpenländischen Dichter bei dem schizophrenen Dichter Alexander nicht. Sein liebstes Wort heißt "auch". Das Gedicht "Das Leben" endet mit "auch": "Das Leben ist schön / schon so schön das Leben. / Das Leben ist sehr schön / das lernen wir, das Leben / Das Leben ist sehr schön. / Wie schön ist das Leben. / Es fangt schön an das Leben. So (schön) schwer ist es auch." Oder: "Der Einzellne ist auch ein Elephant, er geht auch in einer Gesellschaft und ziehen in Rudeln gemeinsam. Der Einzellne wird meistens abgeschossen."