Von Wolfgang Winter

Für manche ist der Abschied vom Lebenswerk wie der Abschied vom Leben. So geht es auch dem Schweizer Ueli Prager, dem es an einem nebligen Herbsttag in Zürich vor 44 Jahren einfiel, in den Vereinigten Staaten Gelerntes in neue europäische Gastronomie umzumünzen; das erste Mövenpick-Restaurant entstand. Ueli Pragers Konzept war ein voller Erfolg. Mittlerweile setzen 156 Restaurants und Hotels jährlich etwa eine Milliarde Schweizer Franken um, für den Mövenpick-Konzern arbeiten mehr als 11 000 Menschen.

Seit 1980, seit er 64 war, hat Prager mindestens fünf Anläufe genommen, das Riesenunternehmen so lange in die Hand Dritter zu geben, bis Tochter Carole, heute 19, und/oder deren beide Brüder Ueli (17) und Benjamin (13) sich selber hätten engagieren können. Doch Prager tat sich mit den Übergangslösungen schwer. Der vorletzte „Kronprinz“ war der mit seinem westfälischen Gasthof einst zur Gruppe gestoßene Deutsche Wolfgang vom Hagen: ausgeschieden im Unfrieden. Zur letzten Nachfolgekandidatin wählte der Firmengründer Jutta Prager-Begus höchstselbst, des Meisters dritte Frau, Mutter der aufgezählten Kinder: auch sie „ausgeschieden im Unfrieden“.

Ueli Prager klebte nicht nur finanziell, sondern noch mehr emotional an seinem Unternehmen. Kaum hatte ihn Frau Jutta als neue Konzernchefin in den ländlichen Reitstall zu seinem vierjährigen Dänenwallach Don Juan verwiesen, kam er beim Konzernsitz in Adliswill in der Zürcher Bannmeile zur Hintertür wieder herein. Da sich Michel M. Favre, den Mövenpick aus der Europageschäftsleitung von American Express als Direktionspräsident zurückgeholt hatte, inzwischen im Chefzimmer breitgemacht hatte, ließ sich der Senior kurzerhand einen Büroanbau samt Sekretariat errichten. Und statt sich mit zuvor sogar in schriftlichen Verträgen fixierten Sondermissionen (wie etwa dem Sondieren des Eiscreme-Geschäfts in Kalifornien) zu begnügen, funkte Prager den jeweiligen „Regierungen“ ohne Ansehen von Person und Namen kräftig und ständig ins Handwerk hinein.

Die aus dem Haus gedrängten männlichen Nachfolger schickten sich der Reihe nach relativ geräuschlos in ihr Schicksal. Nicht so Frau Jutta, die ehemalige Sparkassenangestellte aus Innsbruck, mit Lermooser Fremdenverkehrserfahrung und Controlling-Meriten von den Tiroler Wasserkraftwerken. Als sie vor einem knappen Jahr ihrerseits unter dem Motto „Trennung von Eigentümer- und Führungsfunktionen jäh vom Mövenpickgipfel stürzte, mußte sie erkennen, daß selbst ihr enormer Einsatz – der Erwerb von Hotel- und Wirtediplomen und das Gesellenstück, eine Restaurant-Reorganisation im geographischen Zentrum Zürich – letztlich nichts geholfen hatte. „Ich hatte mir die Fortführung des Lebenswerkes meines Mannes zu meinem Lebensziel gemacht, und ich dachte, ihm damit meine Liebe und Anerkennung zu beweisen“, klagte Jutta Prager in einem Brief an die „verehrten lieben Aktionäre der Mövenpick-Holding“ in einer eher ungebräuchlichen, bisher aber Mövenpick-typischen Tonlage. Ihr Mann dankte ihr das nicht. Bald danach verlegte Ueli Prager seinen Wohnsitz vom weitläufigen Gut Freudenberg ins familieneigene „Carlton Elite Hotel“ mitten im Bankenviertel von Zürich. Das Thema Scheidung ist, zumindest in den heimischen Medien, noch nicht vom Tisch.

Wohl ist aber demnächst der angebliche Poolvertrag nichtig, den der Mövenpick-Gründer mit Frau Jutta im Sommer ausgehandelt haben soll. Die beiden hatten beschlossen, die Familienmehrheit von gut fünfzig Prozent der Stimmen bei nur etwas über zwanzig Prozent des Kapitals selbst dann beieinander zu halten, wenn im Scheidungsfall der Aktienbesitz hätte geteilt werden müssen. Nun aber sollen die rund hundert Millionen Schweizer Franken schweren Familienaktien wenn immer möglich in einem einzigen Paket an einen Dritten verkauft werden. Allerdings gibt es noch eine leicht mysteriöse Erklärung der Familie Prager, man halte sich alle Möglichkeiten auch zum Eingehen von Allianzen oder Assoziierungen offen.

Die mergers and aquisitions-Experten eines Züricher Bankhauses, die Ueli Prager zunächst ohne Benachrichtigung Favres und des Verwaltungsrats der Holding persönlich mit dem Verkauf der Aktien beauftragt hat, machen sich mittlerweile auf die Suche nach möglichen Übernahmekandidaten. Die Konzerne Nestlé und Steigenberger sind als Kandidaten, kaum aufgekommen, anscheinend bereits wieder aus dem Rennen. Um andere brodeln die Gerüchte weiter: Die Schweizer Einzelhandelsgruppe Merkur, die sich bereits als europäischer Marktführer für Betriebsverpflegung sieht, oder die ebenfalls schweizerische Nahrungsmittelgruppe Hero (bei der man sich allerdings fragt, wie sie ohne Rückgriff auf ihren reichen Immobilienbesitz einen solchen Deal finanzieren will) sind im Gespräch, aber auch Radisson, ein amerikanischer Hotelpartner von Mövenpick, oder die britische Gruppe Trafalgar House werden als Kandidaten gehandelt. Die Suche nach dem neuen Mehrheitsaktionär für einen der führenden Gastronomiekonzerne Europas ist jedoch noch so jungen Datums, daß selbst im stillen Kämmerlein noch keine Entscheidung gefallen sein dürfte.