Von Gottfried Sello

Der Maler und Zeichner Pontormo gilt als Galionsfigur des europäischen Manierismus. Für Gustav René Hocke ("Die Welt als Labyrinth") ist er geradezu identisch mit dem, was man unter primo manierismo fiorentino versteht. Aber dieser primo manierismo meint nicht nur ein künstlerisches, ein Stilphänomen. Sondern der Manierist lebt anders, denkt anders, sieht anders, er unterliegt anderen Gesetzen, anderen Zwängen.

Wie lebt ein Manierist? Wie lebte Pontormo? Er sei "über alles einsiedlerisch" gewesen, schreibt Vasari, der dem Künstler nicht unkritisch gegenübersteht. "Die seltsame Verfahrensweise Pontormos, seine Neigung, einsam und nach Laune zu leben, wurde wenig gelobt, dennoch kann man ihn entschuldigen, wenn man will... Kein Künstler ist verpflichtet zu arbeiten, außer wann und für wen es ihm gut scheint; leidet er dadurch, so ist es sein eigener Schaden..."

Ein Einsiedler mitten im geselligen Florentiner Milieu, süchtig nach Einsamkeit. Seine Wohnung, berichten die Zeitgenossen, war nur über eine Leiter zu erreichen. Besucher werden abgeschreckt, ferngehalten, bis auf die zwei oder drei Vertrauten, die Zutritt haben, die wir aus "Il Libro Mio" kennen, Pontormos Aufzeichnungen aus seinen letzten zwei Lebensjahren 1554-56. Es ist eine Art Tagebuch, eines der seltsamsten, das ein Künstler hinterlassen hat. Keine tiefsinnigen Betrachtungen, nur knappe Angaben über die Arbeit, das Essen, die Verdauung, das Wetter. "Montag, den ganzen Tag Regen: heftige Stöße, gewaltige Blitze und Donner; und zum Abendessen einen Rest Sauce und Schweinerücken vom Donnerstag, gekochten Borretsch... Donnerstag zum Abendessen ein wenig gutes Fleisch, den Kopf mit dem Lorbeer gemacht. Freitag gearbeitet und gefastet..." Gelegentlich eine Mahlzeit im Wirtshaus oder, häufiger, bei Bronzino, dem Freund und Lieblingsschüler ("Melone und ein Täubchen und am Morgen darauf war ich krank und meinte, ich hätte Fieber").

Echte und – ebenso schlimm – eingebildete Leiden, der Ärger mit dem Verwalter, die Verstörung, wenn der junge Bursche Battista, ein Lehrling, ein Zögling, mit ungeklärter Funktion im Hausstand, die Nacht unabgemeldet außer Hause verbringt. Was diese knappen Tagebuchnotizen ebenso verschleiern wie offenbaren, ist eine bizarre, eine absonderliche, hypochondrische Existenz, die sich außerhalb der Norm, außerhalb der Gesellschaft bewegt, ist der vereinsamte, der isolierte, kommunikationsunfähige Künstler, der dem strahlenden Bild des Renaissance-Künstlers aufs äußerste widerstreitet. Für Pontormo, den Protomanieristen, ist die häusliche, die biographische Misere vielleicht kein Anlaß zum Jubeln, aber offenbar die Voraussetzung für die künstlerische Arbeit. Während er im "Libro Mio" die täglichen Nichtigkeiten notiert, entsteht im Chor von San Lorenzo ein Freskenzyklus von gigantischen Dimensionen. Wie immer werden die Bilder durch Zeichnungen vorbereitet.

Eine Auswahl seiner Zeichnungen ist soeben bei Schirmer/Mosel erschienen, der Bildband gehört zu den schönsten und wichtigsten Kunstbüchern dieses Jahres. Salvatore S. Nigro, Professor für italienische Literatur, der auch schon "Il Libro Mio" herausgegeben hat, hat die Zeichnungen ausgewählt und den Band mit einem brillanten Essay eingeleitet. Die meisten Blätter sind in Rötel ausgeführt, gelegentlich auch mit dem schwarzen Stift und Weißhöhungen. Sie sind spontan und lebendig, sie verraten viel über den Künstler, aber sie sind nicht als Tagebuch zu verstehen, als eine Art Fortsetzung des Tagebuchs mit anderen, visuellen Mitteln. Fast immer handelt es sich um Skizzen, um vorbereitende Studien für Gemälde und Fresken. Trotzdem beansprucht Pontormos Zeichnung eine gewisse Autonomie, sie entsteht unabhängig von einer Bildidee, die sich erst später einfindet.

Pontormo zeichnet beispielsweise einen Knaben in einer eigentümlich gedrehten Haltung, eine Spirale, die sich um die eigene, schräggestellte Achse schraubt. Irgendwann wird dieser gedrehte Knabe in die Malerei eingehen, in ein Bild des jugendlichen Johannes des Täufers. Oder er zeichnet einen Knaben, der auf einem Mäuerchen liegt, mit aufgestütztem Arm, in bequemer Haltung, die mit den schreckhaft aufgerissenen Augen des Jungen schlechterdings unvereinbar erscheint. Und dieser Knabe wird, verändert, aber unverkennbar, in der Villa Imperiale in Poggio a Cajano auftauchen. Nicht der Knabe, nicht das Modell ist manieristisch. Manieristisch sind der Blick des Zeichners und die Hand des Zeichners, diese geringfügige Abweichung von der natürlichen Erscheinung, die fast unmerkliche Tendenz zur Deformation, die leicht veränderten Proportionen, Längungen, Schwellungen, Muskelspiele, aber auch die seltsamen Schraffuren, die von der Mauer auf die Figur übergreifen und jede Vorstellung von Räumlichkeit zerstören. Und diese deformierenden Faktoren reichen aus, um an diesem Knabenakt Pontormos totale Abkehr von den Renaissance-Meistern, die seine Lehrer waren, Andrea del Sarto, Piero di Cosimo, zeitweilig auch Leonarda da Vinci, zu demonstrieren.