Schöner, seltsamer Beginn. In der Alten Feuerwache in Saarbrücken beginnt die Uraufführung von Birgit Scherzers "Requiem!! – Tanzstück in drei Teilen" zur Musik Mozarts nicht mit dem Introitus "Requiem aeternam...", nicht mit der Bitte: "Herr, gib ihnen die ewige Ruhe", sondern mit der Klage im Zwölf-Achtel-Takt des "Lacrimosa": "Tag der Tränen..." Und bricht nach acht Takten ab. Lange Pause. Dann hebt wieder die Trauer-Melodie in d-moll an – bricht wieder ab nach dem achten Takt, an der Stelle, wo Mozart nicht mehr weiterkomponiert hat. Erst dann, im dritten Anlauf, kann das Tanzstück beginnen.

Schöner, seltsamer Beginn. Birgit Scherzer, im Erzgebirge geboren, nach dem Abitur an der bei Gret Palucca in Dresden als Tänzerin ausgebildet, jahrelang die große Hoffnung des DDR-Balletts, stellt sich als neue Leiterin des Balletts am Saarländischen Staatstheater mit einer modern sportlichen, manchmal geradezu artistischen Tanz-Fassung von Mozarts Seelenmesse vor.

Unübersehbar: die Begabung der jungen Choreographin, Bilder und Schrittfolgen zu erfinden, um seelische Vorgänge anschaulich zu machen und dabei doch Fremdes fremd sein zu lassen.

Unüberhörbar: der Ernst, mit dem sich die aus saarländischen und ehemaligen DDR-Künstlern gebildete Gruppe um Birgit Scherzer dem letzten, Fragment gebliebenen Werk Mozarts nähert. Ist John Neumeier bei seiner Tanz-Version des "Requiems" (Salzburger Festspiele, ZEIT vom 2. August 1991; Hamburger Premiere am 12. Januar 1992) bemüht, die aus Schicksalsgründen unvollendet gebliebene Totenmesse abzurunden, dem Tod und der Trauer ein "Werk im Ganzen" entgegenzustemmen, indem er "fehlende Teile in der Komposition Mozarts durch gregorianische Gesänge ersetzt", so hat Birgit Scherzer den Mut zu den Brüchen, zum Unfertigen des "Requiems". Und doch gelingt ihr, mit Hanns-Christoph Schuster als musikalischem Mitarbeiter, eine einleuchtende, schlüssig musikalische Form. Sie hält sich nicht an die liturgisch richtige Abfolge der Texte und Musikstücke, sondern ordnet sie, nach dramaturgischen Kriterien, neu.

Der erste Teil ("totsein – der Tod – töten – tot") stellt acht Musik-Ausschnitte der Messe zu einer Tanz-Suite von bedrohlicher Wucht zusammen: Lacrimosa-Fragment; Confutatis; Recordare; Rex tremendae; Tuba mirum; Dies irae; Kyrie; Requiem. Im dritten Teil ("lebensgefährlich") werden die acht Musiken in umgekehrter Reihenfolge wiederholt, beginnend mit "Requiem" über "Kyrie" zur besänftigenden d-moll-Klage des "Lacrimosa". Zwischen diesen spiegelbildlich einander entsprechenden Seitenflügeln des Tanz-Triptychons steht ein aus sieben Musikstücken gebildeter Mittelteil ("Erinnerung").

Birgit Scherzer erzählt nicht Mozarts Leben und Sterben als Handlungsballett. Sie mischt wehmütige Erinnerungs-Bilder eines immer einsamer werdenden Wunderkindes mit grotesken Szenen, wie sie der kritische Blick auf die Mozart-Legende und den Rummel des Gedenkjahres gebiert. So fällt am Anfang schon der Schnee, der selbst die willigsten Trauergäste davon abgehalten hat, den Sarg bis auf den Friedhof vor der Stadt zu geleiten. Die Schirme, die vor zweihundert Jahren aufgespannt wurden, schwanken als irres Requisiten-Ballett über die düstere Szene, wie aus einem Bild von Magritte gelockt.

Der zuerst mit dem schwarzen Parapluie wie mit einem Fallschirm des Verhängnisses hereinschwebt, ist der "Tod": Er ist von Anfang bis Ende gegenwärtig. Sven Grützmacher (verantwortlich auch für "konzeptionelle Mitarbeit") ist ein ahtletischer Kerl, strahlend in all seiner Kraft, vor der die zappelnden Künstler, Einzelgänger, vom Genius gehetzten Mozart-Musikanten keine Chance haben. Nicola Carofiglio, Martin Sierra, Dirk Poschidajew: In jedem der drei Teile erliegt ein anderer Tänzer "M" (Mozart, Musiker, Mensch) dem herkulisch unerbittlichen Tod. ein breiter schwarzer Strich, der ihn als Mensch ausstreicht, läuft dem Tod vom Nabel über den bloßen Oberkörper, die Augen auslöschend, über den Kopf bis in den blonden Mozart-Zopf.