Von Jutta Duhm-Heitzmann

„Du schaffst den Nil in der Unterwelt und führst ihn herbei nach deinem Belieben, um die Menschheit zu beleben – denn du bist es ja, der sie dir erschafft: du ihrer aller Herr! Der in ihnen ausruht: du Herr der Erde! Der ihnen aufgeht: du Aton des Tages.“

Aus dem Sonnengesang von Teil el-Amarna

Der Fluß ist schön. Dunkelgrün, träge, weit, von einer unendlichen, fast geschichtslosen Gelassenheit. Wirklich wahr nehmen wir ihn erst am Morgen, nachdem der Abend der Ankunft wie in einem Schleier von Müdigkeit gehüllt war. In der Nacht war das Schiff von Luxor nach Quina getuckert, das Vibrieren und Summen der Motoren hatte unsere Träume unruhig gemacht. Jetzt stehen wir im noch diffusen Licht der Dämmerung an der Reling, eingehüllt in die letzten Fetzen von Nachtnebel, die die Sonne bereits aufzulösen beginnt. Auf dem Wasser gleiten die ersten kleinen Schiffe, Feluken mit zwei spitzen, hellen Segeln, die Bootsform unverändert seit mindestens fünftausend Jahren. Aus der Stadt dringt der Ruf des Muezzins durch die Lautsprecher auf der Moschee. Am Ufer schreien die braunhäutigen Kinder „Bakschisch, Bakschisch“ oder „stylo, stylo“.

Der Nil: ein Fluß, so real wie mythisch, so endlos wie begrenzt, so ewig wie bedroht. Ein Fluß, besungen und angebetet, bedichtet und beschützt, beobachtet und beweint. Acht Tage lang wollen wir mit einem Schiff wenigstens ein paar hundert seiner weit über 6000 Kilometer abfahren, von Luxor hinab bis nach Assuan und wieder zurück; eine Woche lang auf diesem Gewässer schwimmen, das zu den berühmtesten unserer Geschichte gehört. Denn wo immer man die Wiege der Menschheit vermuten mag, an Euphrat und Tigris oder in den Weiten der afrikanischen Savannen: An den Ufern des Nils jedenfalls lag das Kinderzimmer unserer Kultur. „Hier in Ägypten wurde alles erfunden“, wird daher unser ortskundiger Begleiter in diesen Tagen immer wieder versichern und zum Beweis die Mathematik genauso nennen wie die Astrologie, die philosophischen Feinheiten christlicher Religion genauso wie eine funktionale staatliche Verwaltung. Und dabei wird er versuchen, uns Schritt für Schritt an die Geheimnisse dieses Flusses zu führen – auch wenn wir einige davon schon vor unserer Ankunft entschlüsseln konnten.

Denn als moderne Reisende sind wir nicht wie die römischen oder französischen Eroberer über das blaue Mittelmeer gekommen oder nach wochenlangem Kamelritt durch die hitzestarrende Wüste. Wir kamen durch die Luft in Pharaos Land und erlebten das Wunder wie einst nur Horns, der göttliche Falke, scharfäugiger Seher, des Osiris und der Isis Sohn: Unter uns die Wüste. Rötlichbraune Hügel und kahlgescheuerte Felsen, so weit man sah, in den Tälern Sandströme, die wie die Wasser sich verzweigen und fließen und, manchmal in die Betten ausgetrockneter Flüsse mündend, sich verlieren. Weit, unvorstellbar weit dehnt sich dieses feindlich trockene Land aus, eine Hölle aus Hitze und Staub und nächtlicher Kälte. Bis plötzlich am Horizont ein grünlicher Streifen auftaucht, der zu einem wirklichen Fluß wird, einer silbrigen Wasserschlange in einem flachen Tal – der Nil. An seinen Ufern Palmen, Felder, weiße Häuser, winzig alles und wie schutzlos ausgeliefert dem gierigen Zugriff der riesigen Wüste auf seinen beiden Seiten, die sich immer wieder mit ihren Sandfingern von den Rändern her in dieses schmale Band von Fruchtbarkeit krallt.

Der Nil ist nicht nur die Lebensader Ägyptens – er ist Ägypten. Wenn dieser Fluß versiegt, wenn er die Felder nicht mehr bewässert, die Waren nicht mehr transportiert, wäre innerhalb von kurzer Zeit das Sandmeer, das ihn seit Jahrtausenden belagert, Sieger – ein Herrscher ohne Gnade, der den heißen Tod bringt. Wer das einmal begriffen hat – und der Falkenblick aus dem modernen Flieger machte dies Verständnis leicht –, versteht vieles in der ägyptischen Mythologie und Kultur, in seiner Staatsform und in der Organisation seiner Wirtschaft. Man versteht die biblische Josephslegende mit dem Gleichnis von den sieben fetten und den sieben mageren Jahren, versteht die Vorratswirtschaft der Pharaonen, begreift, warum im Zentrum der ägyptischen Religion immer eine göttliche Dreiheit stand, eine Triade, abgeleitet aus der Herrschaft der drei großen Kräfte des Landes: Wüste, Sonne und Fluß.