Von Hansjakob Stehle

Rom, im Dezember

Unter Brüdern sagt man sich auch einmal unangenehme Wahrheiten. Stumm saß der Papst dabei, mehr bedrückt als erhoben von dem, was er zu hören bekam. Die Sondersynode aus Ost und West mußte erkennen, wie schwer sich auch die katholische Kirche mit ihrer eigenen "Wiedervereinigung" tut – mit der europäischen wie mit der ökumenischen. Ein Amerikaner, Kardinal Baum, machte die theologischen Abweichler, ja schlicht den Satan für Kirchen- und Glaubenskrise verantwortlich. Doch der Teufel steckte wie stets im Detail. Jetzt, da kommunistische von demokratischer "Gottlosigkeit" abgelöst wird, war er schwieriger denn je bei den Hörnern zu packen ...

"Geradezu den Atem verschlagen" hat Bischof Josef Homeyer aus Hildesheim, was manche seiner Amtsbrüder aus Osteuropa nun berichteten. In Kirchensteuerparadiesen und auf theologischen Lehrstühlen stellen sich Religion und ihre Riten eben anders dar als im Gefängnis, wenn man sie an Händen und Füßen gefesselt, zelebriert hat. "Wir werden völlig umdenken müssen – Freiheit ist das Thema", meint Homeyer. Und ein anderer Deutscher, Kardinal Ratzinger, sonst eher ein Dogmenhüter,sagte: "Die Kirche muß ihr Gewissen erforschen, ob sie nicht zuviel von sich selbst redet, und ob nicht auch ein Großteil ihrer Verkündigung die Rede von Gott im Hintergrund läßt." Er erinnerte daran, daß diese Verkündigung, also auch die "neue Evangelisierung" Europas, der die Synode gewidmet ist, "nicht die Masse von Dogmen und Vorschriften ist, sondern ganz einfach die Rede von Gott..."

Was soll dann konfessionelles Konkurrenzdenken oder gar Nationalismus unter Christen? Sind auch das nur Symptome übermäßiger Beschäftigung mit sich selbst? Ein einziger Oberhirte wagte es, nicht nur in den kleinen Arbeitszirkeln (wo oft heftig diskutiert wurde), sondern im Plenum den Finger auf die wunden Punkte zu legen: "Unsere Kirche wird von vielen als Kirche der Bevormundung und Gängelei empfunden", sagte Norbert Werbs aus Schwerin. Der 51jährige Weihbischof kleidete in Fragen, was für ihn Symptome einer fatalen Gesetzeslast sind: Der Widerspruch zwischen Hierarchie und Demokratie, die mangelhafte Unterscheidung zwischen Abtreibung und Empfängnisverhütung, die mindere Stellung der Frau.

Stehen nicht die russischen "Babuschkas", die frommen alten Frauen, der Religion näher als manche westlichen und östlichen, theologischen oder pseudotheologischen Denker? Der Stolz derer, die "trotz allem" überlebt haben, kompensiert ihre Komplexe angesichts einer oft chaotischen Wirklichkeit. Nicht überall ist es so "einfach" wie in Estland. Einer der drei dort tätigen katholischen Pfarrer erwähnte ganz beiläufig, daß einer seiner im Untergrund geweihten Kollegen verheiratet ist. Oder im albanischen Tirana: Dort stifteten die Katholiken die gerettete Glocke ihres zerstörten Kirchturms der noch erhaltenen orthodoxen Kirche zum gemeinsamen Geläut.

Hart aufeinander stoßen Katholisches und Orthodoxes im neuen Rußland, in der Ukraine. Zwar hatte die vatikanische Einladung auch den Delegierten der "getrennten Brüder" erstmals in Aussicht gestellt, fast gleichberechtigt vor einer katholischen Bischofssynode zu sprechen. Dennoch sagten das bulgarische, griechische, rumänische, serbische, vor allem aber das Moskauer Patriarchat ab – der russische Kirchenfürst Alexej sogar mit einem brüsken Vorwurf: "Seelenfang" betreibe die katholische Kirche in neuerschlossenen orthodoxen Revieren. Alte Wunden schmerzen wieder. Er könnte doch keinen Russen daran hindern, sich katholisch taufen zu lassen, verteidigte sich Tadeusz Kondrsiewicz vor der Synode, seit 1990 Bischof der Papstkirche in Moskau. "Mangels Zeit und Wohnung" macht er erst jetzt zu Weihnachten dem Bruder Patriarchen seinen Antrittsbesuch...