Von Petra Kipphoff

Beginnen wir zunächst mit einem kleinen Situationsbericht aus dem Jahr 1982: „Wenn man Martin Warnke, den C4-Professor (früher nannte man das Ordinarius) für Kunstgeschichte an der Universität Hamburg, in seinem Institut besucht, verhindert er als erstes, daß man auf dem Sofa Platz nimmt. Das Sofa, eine Liege im Stil der späten fünfziger Jahre, taugt nur noch für die Last leichter Akten. Wie das Sofa, so das Institut. Die zwei zusammengelegten Altbauwohnungen mit Keller wären, in ihrer provisorischen Hinfälligkeit, durchaus ein charmanter Aufenthalt für jene 40 Studenten, für die der Leseraum kalkuliert ist. Tatsächlich jedoch studieren in Hamburg 500 Studenten (bei zur Zeit zwei Professoren) Kunstgeschichte, und das sind mehr als doppelt soviel, wie selbst die Kapazitätsberechnungsstelle für richtig hält... Kunstgeschichte zu lehren oder zu lernen ist zur Zeit ein Unding in Hamburg.“

Und beeilen wir uns, die Korrekturen anzubringen, die Neuigkeiten des Jahres 1991 zu beschreiben. Die zwei zusammengelegten Altbauwohnungen mit Keller (der als Seminarraum dient) haben das Stadium provisorischer Hinfälligkeit hinter sich gelassen und sind jetzt in einem Grenzbereichszustand von Kaninchenstall und Arbeitsamt. Ein guter Aufenthalt, um sich mit Fragen der Ästhetik zu befassen. Wenn man Martin Warnke heute in diesem seinem Institut besucht, dann verhindert er nicht mehr, daß man auf der Liege der späten fünfziger Jahre Platz nimmt, denn sie wurde von Hamburger Gefängnisinsassen (der Minorität, die Pech hatte mit dem Ausbruch) repariert und neu gepolstert. Wenn man jetzt trotzdem nicht so recht darauf Platz nehmen mag, so liegt das nicht an der Vorstellung, daß der Strafgefangene Pinzner hier möglicherweise einen Knallfrosch eingebaut hätte, sondern vielmehr daran, daß Martin Warnke inzwischen seine circa 25 Quadratmeter große Arbeitsstätte mit zwei anderen Kunsthistorikern und einigen vagierenden Hilfskräften teilt. Die sind nämlich mit ihren Karteikästen und Computern hier eingezogen, seit das Kunstgeschichtliche Seminar von der Deutschen Forschungsgemeinschaft Geld für das Projekt Wissenschaftsemigration erhielt. Geziert wird das Zimmer außerdem durch einen gutbürgerlichen Wohnzimmerschrank aus Eiche. Er stammt aus dem Haus der Großeltern von Charlotte Schoell-Glass, der wissenschaftlichen Mitarbeiterin des Instituts, und dient der Aufbewahrung des Warburg-Archivs. Selbst ist die Frau. Spätestens, wenn von diesem Schrank der an der Seite aufgehängte Schirm und Mantel von Warnke bei Öffnung einer Tür herunterfallen, memoriert man Aby Warburgs Wort vom „Menschenrecht des Auges“. Vom Menschenrecht des Kopfes gar nicht zu reden.

Wir gehen in ein etwas kleineres Nachbarzimmer, das Martin Warnke zur Verfügung steht, seit er in diesem Sommer nach zweijähriger Beurlaubung aus Essen nach Hamburg zurückkehrte, wo er das Kulturwissenschaftliche Institut gründen half. Er kam zurück mit seinem „Index zur politischen Ikonographie“, einem Bildarchiv, in dem bisher rund 80 000 Motive zum Thema der Symbolik der politischen Welt gesammelt sind. Das in Essen entstandene Buch „Politische Landschaft“, das die Strategien bei der Gestaltung des Sonnenuntergangs und der Alleen ebenso untersucht wie die kunstpolitischen Implikationen von Grenzsteinen und Soldatenfriedhöfen, soll demnächst publiziert werden. Martin Warnke kam aber auch nach Hamburg zurück mit dem mit drei Millionen Mark dotierten „Gottfried Wilhelm Leibniz Preis“, der von der Deutschen Forschungsgemeinschaft an solche Wissenschaftler vergeben wird, die „bereits in relativ jungen Jahren exzellente Leistungen erbracht haben und mit Hilfe des Preises eine weitere erhebliche Steigerung ihrer wissenschaftlichen Produktivität erwarten lassen“. Die Mittel des Leibniz-Preises, die für fünf Jahre zur Verfügung gestellt werden, sollen die Arbeitsbedingungen des Ausgezeichneten verbessern, ihn von administrativen Aufgaben entlasten und ihm die Möglichkeit geben, durch Beschäftigung anderer Wissenschaftler und Anschaffung von Arbeitsmaterial seine Arbeit unter optimalen Bedingungen voranzubringen. Natürlich freute man sich in Hamburg über die Rückkehr von Warnke, der nicht nur des Leibniz-Geldes wegen auch an anderen Universitäten begehrt war und ist. Und versprach ihm, was man ihm schon versprochen hatte, als er 1982 kurz davor war, eine Berufung nach Marburg anzunehmen: mehr Platz für das Kunstgeschichtliche Seminar, bessere Arbeitsbedingungen.

Drei Zimmer sollte er bekommen zum 1. Juli 1991 für vier von ihm für die Arbeitsstelle Leibniz-Preis engagierte Kunsthistoriker. Aber in diesen Zimmern saßen Verwaltungsbeamte der Universität, und als diese in einen Freizeitraum umgesiedelt werden sollten, wurden erst einmal die Fußböden aufgerissen und Proteste des Personalrats vorgebracht. Die vier Mitarbeiter sitzen jetzt in einem kleinen Zimmer und kommen zur Schichtarbeit, weil es sonst nicht auszuhalten ist. Vom Leibniz-Geld aber hat Warnke inzwischen folgende Dinge angeschafft: die berühmte „Witt Library“, die größte Bildersammlung Europas, 1,2 Millionen Abbildungen auf Microfiches gespeichert; den dazu notwendigen Reader-Printer; wesentliche Bestandteile der Bibliothek des Kunsthistorikers Isermeyer; eine Anlage zur Dia-Herstellung, Photokopiergeräte und Computer, darunter einen „Tower“, der einen Anschluß an den Marburger Index erlaubt; verschiedene Stücke für das Warburg-Archiv, darunter eine Mappe mit Radierungen von Hans Meid, die Warburg mit einer Widmung versehen hat.

Mit anderen Worten: Martin Warnke, der, wie es in der Begründung des Leibniz-Preises heißt, „gegenwärtig als einer der bedeutendsten Kunsthistoriker“ gilt, versorgt die Universität Hamburg mit Antiquitäten, technischen Geräten, Arbeitsmitteln und Arbeitskräften, die sie ihm eigentlich zur Verfügung stellen müßte. Anstatt daß die Universität nun alles daransetzt, diese Situation nicht nur zu honorieren, sondern auch zu nutzen, Warnke also wenigstens für seine Arbeit angemessene Räume zur Verfügung zu stellen, muß er um Quadratmeter feilschen und kämpfen, ein Talent, das er nicht hat und für das er nicht ausgezeichnet wurde. Eine auf den Kopf gestellte Version von Soll und Haben, zu der die Feststellung von Hamburgs Wissenschaftssenator Hajen paßt, der auf einem Welt-Kolloquium, das die Misere der Hamburger Universität zum Thema hatte, gerade sagte: „Wenn ich überspitzt formuliere, dann ist ein Teil unseres Problems, daß die Universität an ihren Erfolgen erstickt.“ Lassen wir die Überspitzung weg und stellen fest, daß der Senat der Freien und Hansestadt Hamburg nicht mit seiner Universität, also nicht mit seiner Zukunft umgehen kann und daß die Stadt und die Universität dabei sind, die Chance zu verspielen, ein bedeutendes Kapitel hamburgischer Kulturgeschichte in der Gegenwart fortzuführen, in einen der wenigen Werte zu investieren, die nicht an der Börse gehandelt werden.

Es sei nicht zuletzt Warnkes Wirken zu verdanken, heißt es in der Begründung des Leibniz-Preises, „daß die deutsche Kunstwissenschaft, die 1933 durch die Vertreibung ihrer produktivsten Vertreter einen unersetzlichen Verlust erlitten hatte, an einen internationalen Standard wieder hat anknüpfen können. Daß jene kritische Ikonologie, die durch Emigranten wie Erwin Panofsky, Sir Ernst Gombrich und Edgar Wind bis heute zur wichtigsten Methode der Kunstbetrachtung im angelsächsischen Raum geworden ist, auch in Deutschland weiterentwickelt wurde, ist in erster Linie ihm zu verdanken.“ Erwin Panofsky, so muß man hinzufügen, war der erste Ordinarius für Kunstgeschichte an der nach hinlänglichem Zögern schließlich 1919 durch die Privatinitiative des Kaufmanns Edmund Siemers in Hamburg errichteten Universität. Von den 399 aus Deutschland vertriebenen Kunsthistorikern, die das in Warnkes Arbeitszimmer untergebrachte Forschungsprojekt Wissenschaftsemigration bisher ausfindig gemacht hat, kamen einige der bedeutendsten aus Hamburg: Außer Panofsky waren es Fritz Saxl, Karl von Tolnay, Edgar Wind und Wilhelm Heckscher. Aby Warburg aber, der Hamburger Bankierssohn und Privatgelehrte, der Kunst als „das soziale Gedächtnis“ begriff und der, vor und neben Panofsky, Kunstgeschichte als Polyhistor betrieb, blieb die Emigration erspart. Er starb 1929, seine Familie sorgte dafür, daß die von ihm gegründete Kulturwissenschaftliche Bibliothek 1933 nach London kam. „Eines Tages“, schreibt Fritz Saxl in seinen Erinnerungen, „lief ein Schiff in die Themse ein, mit 600 Bücherkisten an Bord, eisernen Regalen, Büchertischen, Buchbindermaschinen, photographischen Ausrüstungen, etc., etc.“

Warburgs Bibliothek ist in London und wird im dortigen Warburg Institute bleiben. Aber das von Warburg eigens für diese Bibliothek und seine kunsthistorischen Forschungsunternehmungen gebaute Haus steht noch. Der schöne Klinkerbau am Leinpfadkanal mit dem berühmten ovalen Lesesaal, an dessen Wänden zwischendurch die Tafeln zu Warburgs unvollendetem Lebenswerk, dem „Bilderatlas“, aufgestellt waren, ist in schweizerischem Privatbesitz. Gegen den Tausch einer anderen Immobilie könnte es in den Besitz der Stadt gelangen. Aber ebensolange und erfolglos wie die Gespräche über die Verbesserung der Situation des Kunstgeschichtlichen Seminars gehen auch die Gespräche über Erhalt und Nutzung des Warburg-Hauses. Die Hamburger Kunsthistoriker, die mit Martin Warnke, Horst Bredekamp und Klaus Herding eine ungewöhnliche, international renommierte Forscher-Trias haben und in deren Institut trotz unsäglicher Verhältnisse eine Vielzahl hervorragender Projekte und Publikationen gedeiht, haben Vorschläge zur Nutzung des Hauses gemalt, die das Erbe Warburgs nutzen und in neuen Zusammenhängen weiterführen könnten. Das Warburg-Archiv könnte hier untergebracht und durch Kopien der Londoner Bestände zu einer neuen alten Warburg-Bibliothek werden. Der Inhaber einer Warburg-Professur, deren Installierung einen bisher eher kläglichen Anfang hatte, könnte hier Kolloquien abhalten. Nicht zu reden von Veranstaltungen wie dem im letzten Jahr von Horst Bredekamp organisierten Warburg-Symposion, dessen Vorträge im überfüllten Saal des Literaturhauses stattfinden mußten – zur Verwunderung ausländischer Teilnehmer. Im nächsten Jahr soll aus Anlaß des 100. Geburtstags von Erwin Panofsky ein weiteres Symposion mit internationaler Beteiligung stattfinden – wo? Das Warburg-Haus wäre schließlich auch der sinnvolle Ort für die Arbeit an Warnkes „Index der politischen Ikonographie“, den man auch eine Fortsetzung des „Bilderatlas“ mit anderen Mitteln nennen könnte. „Mnemosyne“, Erinnerung, sollte dieses Panorama von der Antike bis zur Reklame des 20. Jahrhunderts heißen, das die „Wanderung der Bilder, die das kollektive Gedächtnis der Menschheit transportieren“, zu verfolgen suchte. Aber Hamburg will keine Erinnerung, kein Gedächtnis haben. Uberall im Stadtbild ragen die Baukräne in den Himmel und das neue Gründerzeit-Wort „Boomtown“ wird mit Wohlgefallen inhaliert. Aber das „Minimalquantum sinnfälliger Aufklärungsenergie“, das Aby Warburg seinerzeit bei den Fresken im Rathaussaal einklagte, ist nirgendwo auszumachen. Statt dessen darf man einer platten Posse beiwohnen, die im Rathaus unter dem Titel Diäten-Erhöhung aufgeführt wird. Und die untertrifft noch das Niveau der Fresken.