Von Theo Sommer

Eine Passage aus Gogols "Die toten Seelen" macht derzeit die Runde: "Stürmst nicht auch du, Rußland, so dahin wie eine kühne Troika, die niemand einholen kann? Der Boden dampft, die Funken sprühen, die Brücken dröhnen ... Wohin stürmst du, Rußland? Gib Antwort! Du schweigst."

Bis vor wenigen Tagen galt dies unumschränkt. Wohin stürmst du, Rußland? – Moskau antwortete nicht. Desintegration war die Parole; die alte Sowjetunion zerfiel; alles Lamentieren Gorbatschows änderte nichts daran. Jetzt aber gibt es mit einem Mal einen Hoffnungsschimmer: den Kristallisationskern einer neuen Ordnung, die den Sturz in Anarchie, ja Bürgerkrieg aufhalten kann.

Am vorigen Sonntag haben sich die Führer der slawischen Troika – Russische Föderation, Weißrußland und Ukraine – darauf verständigt, eine "Gemeinschaft unabhängiger Staaten" zu gründen, die allen Republiken der vormaligen Sowjetunion offenstehen soll. Und nicht nur dies. Auch andere Staaten sollen sich dem Abkommen anschließen können. Die Gemeinschaft will die Einhaltung internationaler Verpflichtungen garantieren, die sich aus den Verträgen der alten Sowjetunion ergeben – dies gilt für die Schulden, für die Abrüstungsabkommen, die Menschenrechtsnormen und die Minderheitenrechte. Sie will außerdem die bestehenden Wirtschaftsbeziehungen erhalten und entwickeln, radikale Reformen durchführen, die Währungspolitik, die Zollpolitik und den Außenhandel koordinieren – ein "einheitlicher Wirtschaftsraum" ist das Ziel. Schließlich will der neue slawische Bund eine "einheitliche Kontrolle über die Atomwaffen und deren Nichtweiterverbreitung" gewährleisten.

Gewiß: Dies sind alles fürs erste bloße Absichtserklärungen. Deren Umsetzung steht noch aus; nur im Vollzug kann sich die Ernsthaftigkeit der guten Vorsätze erweisen. Nimmt man sie zum Nennwert, so addieren sie sich freilich zur kompletten Erfüllung der westlichen Wunschliste: gemeinsamer Markt, gemeinsame Kontrolle über Atomwaffen, gemeinsames Menschenrechtsverständnis. Wenn die Gründerväter der ostslawischen Union wirklich Ernst damit machen, hat der Westen keinerlei Grund mehr, sich noch länger an die Vorstellung einer weithin zentral gelenkten Sowjetunion zu klammern, bloß weil er die Auflösung aller Autorität befürchtet.

"Wir stellen fest, daß die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität zu existieren aufhört", heißt es in dem Minsker Gründungsdokument. Die durch freie Wahlen legitimierten Staatschefs Jelzin, Krawtschuk und Schuschkjewitsch haben Gorbatschow die Initiative entwunden. Er versucht noch immer, eine neue Union von oben einzurichten, aber seine matten Gesten verlieren immer mehr an Wirkung. Nun bestimmen jene den Kurs, die den Aufbau von unten betreiben wollen.

Michail Gorbatschow ist eine historische, heroische Gestalt. Zugleich jedoch ist er eine tragische Figur. Die Revolution, die er im März 1985 begonnen hat, droht ihn jetzt zu verschlingen. So viel steht wohl fest: Der Urheber wird nicht der Vollender sein. Die Macht fließt ab von ihm. Heute ist er ein Zar fast ohne Land und Leute; selbst der muslimischen Bettelfransen am slawischen Mantelsaum kann er sich nicht sicher sein. Wenn es für Gorbatschow überhaupt noch eine Zukunftsrolle gibt, dann wird es keine Rolle eigener Wahl sein, sondern höchstens eine, die ihm die neuen Kräfte zuweisen.