Kaum ein Künstler hat seine Umwelt so stark geprägt wie der 1990 im Alter von 32 Jahren an Aids verstorbene Keith Haring. Innerhalb weniger Jahre wurden seine Comic-haften Figuren weltweit zum Markenzeichen, nicht nur seiner Kunst, sondern einer ganzen Generation. Der spektakuläre Aufstieg des Jungen aus Reading, Pennsylvania, aus den U-Bahn Schächten New Yorks in Museen und öffentliche Sammlungen wird nun in der autorisierten Biographie von John Gruen nachgezeichnet.

Chronologisch geordnet erzählen Eltern, Schwestern, Freunde, Lehrer, Kollegen, Galeristen und Kritiker, wie das Jesus-liebt-dich-Jüngelchen zum besessenen Künstler und bekannten Pop-Idol wurde. Dabei treten Widersprüche, unterschiedliche Bewertungen und Sichtweisen direkt nebeneinander, so daß der Leser sich ein eigenes Urteil bilden kann. Ein bunter Dialog entfaltet sich, in dem einige Weggefährten allerdings auffallend stumm bleiben. So zum Beispiel der Photograph Tseng Kwong Chi, der seit 1982 sämtliche Arbeiten des Künstlers dokumentierte und kurz nach Keith Harings Tod selbst starb.

Der Biograph und Freund John Gruen führte mit Keith Haring stundenlange Interviews, und so zeichnet der Künstler selbst höchst eloquent sein außergewöhnliches Leben nach. Mal schrill, mal intim, dann nachdenklich und kritisch plaudert er über Freunde, Liebhaber, Galeristen, beschreibt seine Ambitionen, Arbeitsweise, seine politischen Vorstellungen, seine Selbsteinschätzung. Dieses dichtgemalte, aufrichtige Bild eines vollen Lebens erklingt zuweilen in der deutschen Übersetzung von Walter Hartmann ein wenig ungelenk. Das vielschichtige, kontrovers angelegte Portrait macht jedoch deutlich, mit welcher Zielstrebigkeit, Energie und Großzügigkeit der Künstler seine Karriere anging.

Bei seinem kometenhaften Aufstieg hatte Keith Haring die üblichen Karriere-Rituale einfach ignoriert, weshalb er bei Amerikas Kulturgewaltigen schlechter ankam als bei deren europäischen Kollegen. In Europa entstand auch, und das kommt in der Biographie zu kurz, ein Großteil der Plastiken, die Keith Haring in den letzten Jahren seines kurzen Lebens entwarf und die teilweise erst postum in Stahl geschnitten werden konnten. Der Düsseldorfer Galerist Hans Mayer gab insgesamt 36 bis zu sieben Meter hohe Stahlplastiken in Auftrag, die allesamt in Deutschland produziert wurden. Den Schritt von der zweidimensionalen Linie zur ausgebildeten plastischen Form machte Haring bereits, als er etwa den Körper des Choreographen Bill T. Jones oder der Sängerin Grace Jones mit seinen dichten Linienzeichnungen überzog.

Mit den Großplastiken wollte sich Haring – seit 1988 wußte er, daß er HIV-infiziert war – ganz bewußt ein Monument über seinen Tod hinaus setzen. Doch auch auf andere Art taucht sein Werk postum immer wieder aufs neue auf: Da gibt es Graphik-Editionen, Multiples, ein Porzellanservice in schmuckem Comicdesign. Nicht alles trägt von Anfang an den preistreibenden Stempel des „Haring-Estate“, der den Nachlaß, den New Yorker Haring-Popshop und die Haring-Stiftung verwaltet.

Gegen die Massenverbreitung seiner ikonenhaften Zeichen, der mit Tieren und Menschen belebten Zeichnungen, hatte Haring nie etwas einzuwenden. Im Gegenteil. Mit der gleichen kindlichen Freude, mit der er Anfang der achtziger Jahre seine Buttons in der U-Bahn verschenkte, signierte er großzügig alles, was ihm unter den Filzstift kam. Die Biographie veranschaulicht, mit welcher Sicherheit er bei der Bemalung eines Zeppelins, einer Leinwand, Hausmauer oder einer Vase vorging, ohne Vorstudien oder Skizzen. Wichtig war ihm nur, daß seine Linie stimmte, und sein Kriterium dafür hieß schlicht und ergreifend: „Fließende Poesie“. Christian Sabisch

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