Von Eckhard Roelcke

Seit Monaten schon geht ein Raunen durchs Land. Auch die großen Zeitungen und Zeitschriften berichten, mal mehr, mal weniger seriös. Gerüchte werden gestreut und Halbwahrheiten verbreitet. Es wird gerätselt, gelacht und gehöhnt. In Nürnberg, dieser Großstadt mit immerhin fast einer halben Million überwiegend evangelischen Einwohnern, gibt es Ärger. Seit Jahrzehnten ist die fränkische Metropole für ihre ambitionierte und progressive Kultur bekannt, den Münchner Kulturfürsten ist sie ein Dorn im Auge. Jetzt aber wird alles anders – und die Kulturreferentin soll an allem schuld sein. Alle beobachten diese Frau, und man fragt sich: Wer hat diese fixe Idee? Die Stadt oder die neue Kulturpolitikerin?

Auf den ersten Blick gibt es auffallende Parallelen zwischen Karla Fohrbeck, der Nürnberger Kulturreferentin, und Linda Reisch, ihrer Kollegin aus Frankfurt. Beide hatten, bevor sie ihre Ämter im Mai 1990 antraten, keine kommunalpolitische Erfahrung; beide hatten als Vorgänger einen populären und über die Stadtgrenzen bekannten Übervater: Hilmar Hoffmann, der in Frankfurt seine Kunst-für-alle-Konzeption propagierte und mit seinem kommunalen Kino und seinen großen Museumsprojekten kräftig klotzte, und Hermann Glaser, der in Nürnberg nicht nur die „Soziokultur“ erfand, sondern auch exemplarisch verwirklichte: Kultur in den Stadtteilen, um möglichst viele Bürger für die Kunst zu gewinnen.

Linda Reisch und Karla Fohrbeck sollten nun „das Erbe antreten“, sprich: Sie sollten diese Entwicklung fortführen, sich gleichzeitig aber auch mit eigenen Akzenten profilieren, und: Sie sollten sparen. Denn so schön und kontinuierlich, wie das Kulturbudget in den letzten Jahren gewachsen war, konnte es nicht mehr weitergehen. Bewahren heißt die aktuelle Devise, für prestigeträchtige und damit teure Projekte gibt es kaum noch Geld.

Ein Trend der Zeit: Immer mehr Frauen übernehmen kulturpolitische Aufgaben, Anke Martiny hat es in Berlin versucht (mit wenig Erfolg), Christina Weiss und Irmgard Schleier versuchen es jetzt in Hamburg und Kassel. Und überall gibt es enorme Schwierigkeiten, Stunk mit den Parteien, Querelen mit den Lobbyisten, Ärger mit den Zeitungen. So hatte zum Beispiel Linda Reisch von Anfang an nicht nur einen schweren Stand innerhalb der regierenden SPD, sondern auch eine sehr schlechte, auch überregionale Presse. Ihr wurde vorgeworfen, undiplomatisch zu sein, in jedes nur denkbare Fettnäpfchen zu treten, die kommunalpolitischen Finten nicht zu beherrschen, in ihrer Verwaltung falsche personalpolitische Entscheidungen getroffen zu haben. Genau die gleichen Vorwürfe muß sich Karla Fohrbeck seit dem Mai 1990 anhören. Soweit die Parallelen.

Aus Frankfurt ist zur Zeit kein Kulturgezänk zu hören, die Aufregung um Linda Reisch hat sich gelegt, die SPD-Genossen haben sich beruhigt. Ganz anders dagegen in Nürnberg: Dort wird die Situation von Woche zu Woche verfahrener und die Attacken gegen die parteilose Kulturreferentin Fohrbeck immer heftiger – und der kulturpolitische Schaden wächst.

Karla Fohrbeck ist eine umfassend gebildete Wissenschaftlerin. 1942 in Aachen geboren und in Bayreuth aufgewachsen, hat sie Religionswissenschaft, Anthropologie, Philosophie, Soziologie, Volkswirtschaft und Politik studiert und bei Thomas Luckmann und Jürgen Habermas promoviert. Sie hat das „Zentrum für Kulturforschung“ in Bonn geleitet, als Beraterin und Gutachterin gewirkt und dreißig Bücher geschrieben. Ihre Biographie füllt zwei engbedruckte Seiten.