Seit Mitte des 18. Jahrhunderts verlangt die Laufbahn des „höheren Staatsdienstes“ in Deutschland „Staatsexamina“. Akademische Unterweisung wurde zunehmend als Amtsvorbereitung des wachsenden Beamtenheeres verstanden, und dem Gymnasium wurde die Propädeutik, ein auf ein wissenschaftliches Universitätsstudium vorbereitender Unterricht, übertragen.

Die preußische Immatrikulationsordnung von 1718 verlangt von den Kandidaten des Schul- und Pfarramtes, sie sollen am Gymnasium unterrichtet worden sein in „Catechismo und Christentum; in linguis, sonderlich in Latinitate und Stilo, in der historia, sowohl in der ecclesiastistica als auch civili, wie auch in der Geographie“.

Einerseits demokratisiert sich das Bildungswesen, andererseits aber soll der höhere Abschluß doch auf bestimmte gesellschaftliche Zirkel beschränkt bleiben. In der Immatrikulationsordnung von 1708 heißt es gegen die „Studierwut der niederen Stände“ ausdrücklich, „daß die Studia in allen Facultäten dadurch fast in Verachtung gerathen (sind), weilen ein jeder bis auf handwercker und Bauerer seine Söhne ohne Unterscheid der Ingeniorum und Capacität studiren und auf Universität und hohen Schulen sumtibus publicis (auf Staatskosten) unterhalten lassen will“.

Preußen errichtet 1786 mit seinem Oberschulkollegium die zentrale Bildungsbehörde, und im Prüfungsreglement von 1834 wird der erfolgreiche Abschluß eines Gymnasiums zur Vorbedingung eines Universitätsstudiums gemacht. Im Kaiserreich gibt es den ersten Gymnasialboom. Innerhalb weniger Jahre steigt die Zahl der Gymnasien von 120 auf 295 Anstalten, die Zahl der studienberechtigten Abiturienten verdreifacht sich und macht 1900 bereits zwei Prozent der männlichen Bevölkerung eines Jahrgangs aus.

Nach dem Ersten Weltkrieg wrden im Schulwesen Reformkräfte freigesetzt, die sich bereits in der Kaiserzeit zu Wort gemeldet hatten. Entkonfessionalisierung der Schule, Einheitsschule, Arbeitsunterricht und Staatsbürgerkunde lauten die Leitideen. Es gibt nun vier Typen von höheren Schulen, denen jeweils ein bestimmter „Kulturbezirk“ zugeordnet wird. „Dem Gymnasium wird die antike Kultur zugewiesen, dem Realgymnasium die westeuropäische, die Oberrealschule hat ihren Schwerpunkt in den Naturwissenschaften, und die Deutsche Oberschule, eine Neuschöpfung, soll in besonderem Maße die deutsche Kultur fördern“, schreibt Margret Kraul in ihrem Buch „Das deutsche Gymnasium 1780-1980“.

Die Nationalsozialisten vereinheitlichen das Schulwesen und schaffen die Kulturhoheit der Länder ab. Zur Hauptform der weiterführenden Schule wird die „moderne“ Oberschule für Jungen mit ihren neusprachlichen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Zweigen. Das klassische Gymnasium mit seiner Sprachenfolge Latein, Griechisch und Englisch verliert an Bedeutung. Die Einschulungsquoten auf höhere Schulen, die selbst in schlechten Zeiten der Weimarer Republik noch bei vierzehn Prozent lagen, sinken auf zehn bis zwölf Prozent, bei Mädchen von elf auf fünf Prozent.

Nach dem Zweiten Weltkrieg streben vor allem die Amerikaner gemäß dem Potsdamer Abkommen nach einer Demokratisierung des Bildungswesens. Eine Kommission schlägt eine sechsjährige Grundschule vor, auf der sich eine sechsjährige Oberstufe aufbaut, die das berufliche Schulwesen einschließt. Doch nur in der sowjetischen Besatzungszone werden die Vorschläge der Alliierten durchgesetzt – dort sogar mit einer achtjährigen Grundschule.