Von Volker Ullrich

Wir wissen es längst: Das große Strafgericht, das die Deutschen 1945 erwartet hatten und gegen das sie sich mit ihrer neuen Nationalmelodie "Wir haben nichts gewußt" zu schützen suchten – es fand nicht statt. Im Gegenteil, am Ende der Entnazifizierung stand das, was Ralph Giordano den "großen Frieden mit den Tätern" genannt hat – die fast restlose Wiedereingliederung der ehemaligen Funktionseliten des "Dritten Reiches" in die bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft.

Dabei waren die Alliierten zunächst durchaus willens, nicht nur die Hauptkriegsverbrecher unter der Nazi-Prominenz abzuurteilen, sondern auch jene große Zahl von Funktionären der mittleren Ebene zu bestrafen, die durch ihre Tätigkeit dazu beigetragen hatten, den Terrorapparat des SS-Staates bis zur totalen Niederlage in Gang zu halten. Allein 90 000 Deutsche wurden zwischen Mai 1945 und Juni 1949 in einem der zwölf Internierungslager der britischen Zone festgesetzt – darunter Ortsgruppenleiter der NSDAP, Angehörige von SS und Waffen-SS, Gestapo-Beamte und Mitglieder des SD, Personen also, die unter die bereits im Oktober 1944 fixierten Bestimmungen des "automatischen Arrests" fielen.

Die meisten Internierten zogen es nach ihrer Entlassung vor, über ihre Erlebnisse in den Lagern zu schweigen. Sie wollten, wie fast alle Deutschen, möglichst schnell vergessen. Und vergeßlich zeigte sich auch die historische Forschung, die sich zwar ausgiebig mit den Kriegsverbrecher-Prozessen vor dem Nürnberger Militärtribunal befaßt, für die Internierungslager indes kaum interessiert hat. Was die Lager in der britischen Besatzungszone angeht, so wird diese Forschungslücke jetzt geschlossen durch eine überaus gründliche, sorgfältig recherchierte und nüchtern urteilende historische Doktorarbeit. Ihr Autor, der in Münster lebende Journalist Heiner Wember, hatte das Glück, als erster Historiker die im Public Record Office in London lagernden Internierungsakten einsehen zu können. Darüber hinaus hat er sich durch 20 000 Einzelfallakten der deutschen Spruchgerichte im Bundesarchiv Koblenz durchgearbeitet, zudem ehemalige Internierte und Lagerpfarrer befragt, sich also auch die seit einiger Zeit beliebte Methode der oral history zunutze gemacht.

Der Titel der Untersuchung "Umerziehung im Lager" ist allerdings nicht ganz zutreffend. Denn, wie der Autor selbst hervorhebt, die Umerziehung der Internierten war für die Briten (ebenso wie übrigens für die Amerikaner) von durchaus nachgeordneter Bedeutung. Ihnen ging es zunächst vor allem um die Sicherheit der Besatzungstruppen und die Zerschlagung der NS-Organisationen. Dabei war es gewiß eine höchst unglückliche Entscheidung, die Lager gerade dort einzurichten, wo die NS-Schergen noch kurz zuvor KZ-Häftlinge zu Tode gefoltert und Kriegsgefangene hatten verhungern lassen – in Neuengamme, Esterwegen, Sandbostel und anderen Orten des Schreckens. Denn dadurch wurde ein Vergleich der Internierungslager mit den nationalsozialistischen Konzentrationslagern nahegelegt, wie er noch heute in den Köpfen mancher Ewiggestrigen spukt. Wember stellt klar, daß jeder Vergleich in dieser Richtung an den Realitäten völlig vorbeigeht. Zwar kam es in den ersten Wochen nach Kriegsende zu Mißhandlungen von Gefangenen, doch dabei handelte es sich um Übergriffe einzelner Soldaten und Offiziere, die ihren Haß und ihre Wut auf die Deutschen an den Internierten ausließen. Nach dieser Übergangsphase war jedoch, wie auch die ehemaligen Internierten in ihren Interviews anerkennen, die Behandlung durch das britische Wachpersonal absolut korrekt. Auch die sehr kritische Ernährungslage verbesserte sich, nachdem im Herbst 1945 ein Häftling an Unterernährung gestorben war. Der Autor kann sogar nachweisen, daß die Internierten im zweiten Nachkriegswinter 1946/47 besser versorgt wurden als die große Masse der Zivilbevölkerung in der britischen Zone.

Insgesamt ging es in den britischen Lagern offenbar weniger korrupt zu als in den amerikanischen Camps, dafür wurde allerdings auch die Abschirmung nach außen wesentlich rigider gehandhabt. Erst ab Ende 1946 durften die Internierten Briefe schreiben (zuvor nur, alle zwei Wochen, "25-Worte-Karten") und in dringenden Familienangelegenheiten Besuch empfangen. Da es in den Lagern kaum etwas zu tun gab, hatten die Internierten viel Muße, darüber nachzudenken, was sie in den vergangenen zwölf Jahren angerichtet hatten. Nur die wenigsten nutzten freilich diese Zeit zur inneren Einkehr und Umkehr; die meisten fühlten sich einfach nur ungerecht behandelt, nicht als Täter, sondern als Opfer. Von den Massenverbrechen des Nationalsozialismus wollte man natürlich nichts gewußt, geschweige denn in irgendeiner Weise daran mitgewirkt haben. Sie waren, so der wiederkehrende Refrain, das Werk einiger Wahnsinniger, die den Idealismus des deutschen Volkes mißbraucht, die "guten Seiten des Nationalsozialismus" verraten hätten. Angesichts der hier frühzeitig wirksamen Verdrängungsmechanismen kann der Autor wohl zu Recht davon sprechen, "daß die Nachkriegsentwicklung – zumindest auf geistigem Gebiet – in den Internierungslagern im Zeitraffer vorweggenommen wurde".

Zuspruch und Unterstützung erhielten die Internierten von einer Seite, von der man es in diesem Ausmaß kaum erwartet hätte: den Kirchen. Sie bildeten, wie Wember zeigt, "faktisch die stärkste Lobby für die Gefangenen". Ortsgeistliche stellten Internierten "Persilscheine" aus, Lagerpfarrer berichteten über angebliche oder wirkliche Mißstände in den Camps, um Stimmung gegen Internierung und Entnazifizierung zu machen, Kirchenführer machten sich stark für eine rasche Freilassung der Internierten. Hätten die Kirchen doch nur halb soviel Engagement für die verfolgten Juden nach 1933 entwickelt – das Schlimmste hätte vielleicht verhütet werden können!