Von Christian Schmidt-Häuer

Moskau, im Dezember

Das Volk der Kiewer Rus hat das Moskauer Reich geschaffen", so beschwor vor Jahresfrist der nationalistische Schriftsteller und Slawenapostel Alexander Solschenizyn die Ukrainer,’ "Brüder, diese grausame Teilung muß doch nicht sein!"

Doch auf Kiewer Initiative hin haben die slawischen Brüder am 8. Dezember 1991 das Moskauer Reich der Zaren, ZK-Sekretäre und verbliebenen Zentralstaatspatrioten zur Teilung freigegeben. Auf der verschneiten Datscha Wiskuli bei Brest proklamierten der frisch gewählte ukrainische Präsident Leonid Krawtschuk, der Russe Boris Jelzin und der Weißrusse Stanislaw Schuschkjewitsch ein östliches Commonwealth. In der Präambel der Vereinbarung heißt es: "Wir stellen fest, daß die UdSSR als Subjekt des Völkerrechts und als geopolitische Realität zu existieren aufhört."

Die politisch brisante, rechtlich höchst pikante Entscheidung legitimiert das nuklear bewaffnete Staaten-Trio damit, daß seine Vorfahren nicht nur das Moskowiter Reich schufen, sondern daß diese drei Republiken 1922 auch Lenins Sowjet-Staat mitbegründeten. Von nun an sollen die Slawen echte Republikaner werden und keine Reichsnationen mehr bilden. "Nach Minsk" heißt jetzt der Ruf der drei Brüder, die jahrhundertelang nur nach Moskau schauten. 700 Kilometer westlich, auf halbem Wege nach Warschau, soll ihre neue Hauptstadt liegen. Solschenizyn weist mit dem Rückzug auf ein vom Westen abgewandtes Rußland mit ständisch-munizipaler Gesellschaft in die entgegengesetzte Richtung.

Doch wie real und wie mächtig ist der neue Dreierbund zur Verhinderung der vollständigen Desintegration und der atomaren Proliferation, zur Überwindung der slawischen Grenzstreitigkeiten und der wirtschaftlichen Gräben wirklich? Moskauer Zentristen, russische Nationalisten und die vom Kreml wirtschaftlich weiter abhängigen Republiken reagierten auf die Vereinbarung von Brest wie viele Bürger des liquidierten Zarenreiches auf den Vertrag von Brest-Litowsk 1918: mit dem verbitterten Gefühl, überrumpelt, gedemütigt und amputiert worden zu sein.

Moskau versank in Verwirrung, Putschgerüchte und Rücktrittsmeldungen jagten einander. Die Spannung übertrug und entlud sich bis in Bereiche, die mit der Vereinbarung von Brest nur mittelbar zu tun hatten. Bürgermeister Gawril Popow, mit dem Stadtsowjet völlig entzweit über seine Privatisierungspolitik zur Bekämpfung der Versorgungskatastrophe, drohte am Montag seinen Rücktritt an. Der andauernde Machtkampf im Verteidigungsministerium führte seit dem Wochenende zur Kettenreaktion: Generalstabschef Wladimir Lobow, Kreml-Kommandant Gennadij Baschkin und zwei stellvertretende Verteidigungsminister mußten gehen. Der neue Generalstabschef Viktor Samsonow war im August zwar vom Leningrader Putschisten-Komitee zu Bürgermeister Sobtschak übergewechselt, gilt aber weiter als harter Zentralist, als entschiedener Gegner des Truppenabzugs aus dem Baltikum und einer eigenständigen ukrainischen Armee.