Von Jürgen Dahl

Früher fütterte man den Wind auf der Fensterbank mit Mehl und Krümeln, die er wegblasen durfte. Auf diese Weise wollte man ihn davon abhalten, das Dach abzudecken. Die Seeleute andererseits, die Wind in den Segeln haben wollten, pflegten ihre Schiffsjungen zu verprügeln, um ihn herbeizulocken. Wir werden es, wenn die Stürme weiter zunehmen, mit dem Füttern versuchen.

Die Gäste auf dem "Lindenhof", vor allem jene, die hier übernachten, loben das anheimelnde Rauschen der hohen Pappeln und der beiden Linden. Aber die Linden stehen zu nah am Haus, und die Pappeln sind so hoch, daß auch sie, wenn sie umstürzen würden, das Dach durchschlügen. So klingt uns das Rauschen, wenn es stärker und stärker wird, doch eher drohend in den Ohren, und jetzt gleich, während es noch rauscht, werde ich hinausgehen und die Mispel, die wir im Frühjahr gepflanzt haben, mit einem Pfahl versorgen.

Wir haben aber auch eine Art Abwehrzauber installiert: ein balinesisches Wind-Spiel auf einer hohen Stange, bei dem ein Doppelflügel sich an einer langen Achse dreht; an der Achse hängen kleine Klöppel, die, wenn das Wind-Spiel sich dreht, gegen drei unterschiedlich gestimmte Bambusplättchen geschleudert werden: ein Xylophon also, das je nach der Windstärke entweder wie beiläufig drei, vier einzelne Töne hören läßt – oder aber pausenlos einen Dreiklang absolviert, als eine ununterbrochene Kette von Tönen, die nun, für meine Ohren, weit lieblicher und ungefährlicher klingt als das Rauschen der Pappeln. Mit diesem schönen Bambus-Werk trotze ich dem Wind, nehme ihm das Drohende, zwinge ihn zur Heiterkeit, und vielleicht wird er dann das Dach und die Mispel verschonen.

Er hat ja seine Meriten, der Wind. Niemand anders vermöchte wie er alles Trockene und Welke so sauber auf Haufen zu blasen, alles Halbfeste zu lösen und alle Samen so über den ganzen Garten zu verteilen, daß immer einige an einen Platz verschlagen werden, an dem sie sich wohl genug fühlen, um im Frühjahr zu keimen und uns als Ansässige zu begrüßen, jedes Jahr an einem anderen Ort: die Ringelblumen, der Pastinak, der Borretsch, die Barbarakresse –

– oder die Rauke. Ihre Blätter riechen (wie sogar die nüchternen Botanikbücher vermelden) eindeutig nach einem angesengten Schweinebraten mit kohlpechrabenschwarzer Kruste, ehrlich gesagt: sie stinken. So etwas pflegen die Evolutionsbiologen als "Fraßschutz" zu deuten. Ich stelle mir also vor, daß die Rauke etwas dagegen hatte, von den Menschen gegessen zu werden, und sich deshalb olfaktorisch tarnte.

Der Trick hat ihr aber nichts genützt: In den Mittelmeerländern, wo sie eigentlich zu Hause ist, ist man ihr schon vor 3000 Jahren drauf gekommen, daß sie vorzüglich schmeckt, als Gemüse so gut wie als reichliche Zugabe zum Kopfsalat, der mit ihr verglichen geradezu fad erscheint. Die Italiener schätzen die Rauke als "riccola", die Südtiroler essen "Rickelsalat", und vor 2000 Jahren, als die Gartenbücher noch in Reimen verfaßt wurden, schrieb der Ackerbauschriftsteller Columella: Excitat ad venerem tardos maritos, sie stachelt die trägen Eheleute zur Liebe an! Ein Aphrodisiakum also, ein Liebessalat, ein Leidenschaftsgemüse – aber das kann ja nicht der Grund sein, warum sie in den Gartenbüchern heute nicht mehr vorkommt.