Von Matthias Naß

Sollten demnächst auch die beiden Deutschen Heinrich Strübig und Thomas Kemptner endlich aus libanesischer Geiselhaft freikommen, dann dürften die ersten Fernsehbilder im Hintergrund wieder einen hochgewachsenen, elegant gekleideten Italiener zeigen, der mit verhaltenem Lächeln in die Kameras schaut. "Mission erfüllt", wird die Miene von Giandomenico Picco ausdrücken, auf Erklärungen und Kommentare wird er sich vor den Journalisten nicht einlassen. So hat es der Unterhändler von UN-Generalsekretär Pérez de Cuéllar seit dem 8. August gehalten, als er mit der freigelassenen britischen Geisel John McCarthy erstmals vor die Presse trat.

John McCarthy, Edward Austin Tracy, Jack Mann, Jesse Turner, Terry Waite, Thomas Sutherland, Joseph Cicippio, Alann Steen, Terry Anderson – drei Briten und sechs Amerikaner: Sie alle verdanken ihre Freiheit nicht zuletzt dem Geschick, der Diskretion und dem Mut des 43 Jahre alten Italieners, von dem eine Kollegin bei den Vereinten Nationen, die ihn seit sechzehn Jahren kennt, sagt: "Er ist einer der besten, die wir haben, gerade auf dem Gebiet der stillen Diplomatie."

Gewiß, das Geiseldrama im Libanon geht nach über sechs Jahren vor allem deswegen zu Ende, weil mit dem Sieg der Alliierten über Saddam Hussein die Karten im Nahen Osten neu gemischt wurden, weil sich der iranische Präsident Rafsandschani mit seinem Wunsch nach wirtschaftlicher Zusammenarbeit mit dem Westen gegen die Radikalen in Teheran durchsetzte und weil der Zerfall der Sowjetunion den Syrer Assad seiner einstigen Schutzmacht beraubte.

Aber Terry Waite, Terry Anderson und die anderen säßen wohl noch immer in den Verliesen ihrer Entführer, hätten Pérez de Cuéllar und sein Emissär nicht im richtigen Moment, wie Picco es formuliert, das "Fenster der Gelegenheit gesehen und geöffnet". Geschickt handelten sie zwischen den Geiselnehmern in Beirut, ihren Hintermännern in Teheran und der israelischen Regierung eine Lösung aus, die im Kern so aussah: Die Hisbollah läßt ihre westlichen Geiseln frei, dafür schickt Jerusalem die 375 libanesischen Gefangenen aus dem Kerker von Khiam im von Israel kontrollierten Südlibanon nach Hause; die Israelis wiederum erhalten Auskunft über das Schicksal von sieben im Libanon vermißten Soldaten, von denen wohl nur noch einer, der Pilot Ron Arad, am Leben ist.

Wann seine Geheimmission begann, darüber will Giandomenico Picco nicht Auskunft geben; es sei jedoch "viel früher" als im August gewesen. Seit dem Sommer jedenfalls war er nur noch selten in New York. Seinen jeweiligen Aufenthaltsort kannten im Sekretariat der Vereinten Nationen nur wenige Eingeweihte. Während Pérez de Cuéllar und einige Außenminister, darunter Hans-Dietrich Genscher, sich in kritischen Phasen der Gespräche direkt einschalteten, zog eine kleine Gruppe von Spitzendiplomaten im Hintergrund die Fäden: Kamal Kharrazi, der Chefdelegierte des Iran bei den Vereinten Nationen; Uri Lubrani, der Geiselbeauftragte Jerusalems; John Kelly, im Washingtoner State Department für den Nahen Osten zuständig; Klaus Jacobi, der Schweizer Staatssekretär für auswärtige Angelegenheiten (Bern vertritt die amerikanischen Interessen in Teheran); Reinhard Schlagintweit, Politischer Direktor im Bonner Auswärtigen Amt.

Doch alle Drähte der heiklen Mission liefen bei Giandomenico Picco zusammen. Er allein verhandelte direkt mit den Entführern vom "Islamischen Heiligen Krieg". Die syrische Grenzpolizei fuhr ihn aus Damaskus an die libanesische Grenze. Dort warteten Mittelsmänner der Geiselnehmer auf den UN-Diplomaten und brachten ihn zu den geheimen Treffpunkten in Beim oder im Bekaa-Tal. Sorgte sich Picco, der stets allein reiste, nicht um seine Sicherheit? "Entweder haben Sie Angst, oder Sie sind ein Dummkopf", lautet die lapidare Antwort.