Werden die Deutschen jetzt einlösen, was ihre Politiker versprochen haben?

Von Roger de Weck

Das europäische Gipfeltreffen ist vorüber – die europäische Debatte hat noch gar nicht angefangen. Was die zwölf Staats- und Regierungschefs in Maastricht beschlossen haben, muß erst noch von den nationalen Parlamenten ratifiziert werden. Auch der Bundesrepublik bietet sich jetzt die Gelegenheit zu einer großen Aussprache über ihre Europapolitik. Bürger und Volksvertreter müssen sich entscheiden, ob ihnen nach der deutschen Einheit die europäische Vereinigung noch so wichtig ist wie zuvor, als das eigene Land und der gesamte Kontinent zweigeteilt waren.

In den vergangenen Monaten waren die Deutschen wohl zu sehr mit sich selber und ihren gewaltigen Problemen befaßt, als daß diese Debatte rechtzeitig hätte stattfinden können. Erst kurz vor Maastricht wurde jedem bewußt, was auf dem Spiel stand – die D-Mark. Die von der Bundesbank in Umlauf gebrachten Scheine sind dreierlei zugleich: Ausdruck einer in der Nachkriegszeit wiedergewonnenen Stabilität, Ausweis deutscher Tüchtigkeit und Ausfluß eines hierzulande besonders ausgeprägten Sicherheitsbedürfnisses. "Unser schönes Geld" herzugeben (wie Bild schrieb), das scheint vielen Bürgern eine Zumutung.

Mißtrauen gegen die Partner

Reflexartig schossen denn auch die Emotionen hoch. Von Springer bis Spiegel, eine merkwürdige Koalition nährte der Deutschen liebstes Kind, nämlich die Angst, die ja noch nie eine gute Ratgeberin war. Es ist abzusehen, daß nun auch nach Maastricht die Kampagne fortdauern wird. Hätte Helmut Kohl das Parteibuch der SPD, würden ihn seine schärfsten Kritiker einen "vaterlandslosen Gesellen" schimpfen; dem Bundeskanzler werden sie auf Jahre hinaus vorhalten, er habe die D-Mark auf dem europäischen Altar geopfert.

Dieses gängige Bild von der Opferstätte ist bezeichnend für die Art und Weise, wie jetzt die Debatte geführt wird. Es suggeriert Sinnlosigkeit und anachronistische Ergebenheit vor dunklen Brüsseler Mächten; es unterstellt, daß die Deutschen viel mehr zu verlieren als zu gewinnen haben. Die europäische Einigung ist da kein Ideal mehr, sondern nur noch eine lästige Pflicht.