Von Reinhard Baumgart

Ein bewegender, ein verwirrender Augenblick: Man sitzt in der Mailänder Scala, mitten in der gewaltigen Verwandlungsmusik des ersten "Parsifal"-Aktes, und wartet nun auf das Verwandlungszauberstück eines Bühnenbildners, der doch schon über ein Jahr tot ist. Aber Daniele Lievi hat eben im letzten Sommer seines Lebens zusammen mit seinem Bruder Cesare diesen Mailänder "Parsifal" noch vorentworfen, vorgezeichnet, eine Bilddramaturgie für ihn imaginiert (die nun Peter Laher realisieren mußte), und er war nicht nur, wie andere Bühnenbildner auch, ein Raumbaumeister und Lichtkünstler, sondern vor allem ein Raumverwandler. Auch und gerade auseinanderfallende Stücke konnte er retten, verzaubern mit seinen Überblendungen und Fahrten von einem Phantasieraum in den nächsten.

Genau diese Erwartung wird nun in der "Parsifal"-Verwandlung zunächst enttäuscht, dann ab- und umgelenkt. Die Baumlandschaftsbühne schließt sich mit einem von oben und zwei Seiten einfallenden schwarzen Vorhang, der allerdings vier Marmortürportale offenläßt. In diesen erscheinen, zu dem sich auftürmenden Klangvolumen der Musik, Ritterfiguren in blitzender Rüstung, mit krakenhaft langsamen Bewegungen, wie gegen einen unsichtbaren Sturm ankämpfend und schließlich zusammenbrechend. Erst nun gibt der wegweichende Vorhang das neue Bild frei, ein riesig hochgequadertes Mauernhalbrund, halb Mausoleum, halb Amphitheater: die Gralsburg.

Die Rüstungsritter und auch die nun im Burgraum versammelten Gralsgenossen, teils verborgen hinter Eisenmasken, teils gehüllt in mit Marmormustern gezeichnete Umhänge, vergittert also und fast versteinert: beides sind Reminiszenzen an die triumphalste Zusammenarbeit der beiden Lievi-Brüder, an ihre schon legendäre Inszenierung des "Kätchen von Heilbronn". Parsifal also tritt, ein ratloser Zuschauer, einer in ihren Ritualen und ihrer Melancholie schon eingefrorenen Gemeinschaft gegenüber. Er kann, das wird hier sinnfällig wie selten, die Zeichen dieses düsteren, moribunden Geheimbundes trotz aller Mühe nicht lesen. Bewegt, lebendig scheint einzig noch der jammernde und jämmerliche Amfortas. Der in seinem blauen Schleier freilich an eine Madonna eher erinnert als an einen Gralskönig.

Das Blau ihrer Kostüme wie auch ihre dauernd wiederholte Blickbegegnung sollen Amfortas und Parsifal aneinanderbinden. Am Ende dieses ersten Gralsbildes wird der reine Tor dann, gegen Wagners Anweisungen, nicht als ein blöder hinaus in die Welt gestoßen. Immer noch Zuschauer, allein im leeren, öden Theater sitzen geblieben, betrachtet Parsifal den nackten Stein, die Eisenmasken, die marmornen Umhänge, ein trostloses Stilleben. Es denkt also weiter in ihm, seine Zukunft beginnt, genau wie in Wagners Musik.

Solche stillen, vielsagenden Momente sind Halte- und Höhepunkte einer Inszenierung, die sich sonst so gar nicht konzeptgesteuert, sondern eher schlicht und naiv erzählend die Geschichte zurechtlegt. Und doch wagt sie schließlich ein Ende, das unverhofft einen kühnen Doppelpunkt zu den letzten Worten ("Erlösung dem Erlöser") und Musiktakten setzt. Amfortas und der Gral sind durch Parsifal und den heiligen Speer endlich erlöst worden. Da läßt Lievi seine Gralsgemeinde, einen nach dem anderen, durch die jäh aufgeborstenen Mauern hinaus ins helle Weite ziehen. Als letzter verläßt, fast schwarz im Gegenlicht, auch Parsifal die geleerte Bühne, blickt aber noch einmal zurück. Da sind wie Überreste, Reliquien einer nun aufgegebenen Religion und Leidenskultur nur noch zu sehen: der schwarze Sarg Titurels, die heilige Lanze und der Gral, Andenken also an Christi Blut.

Was diese Auswanderung, was dieser Blick zurück, dieses Ende und seine Öffnung in eine neue Unendlichkeit bedeuten könnten – es ist nach vier Stunden und zwanzig Minuten "Parsifal" nicht mehr auszudenken. Auf diese kühne Perspektive ist der Zuschauer kaum vorbereitet. Offenbar hat sich dieser Schluß- und Schlüsselgedanke von Cesare Lievis lebhaft über Nietzsche und Wagner, Dionysos-Mythos, griechisches Theater und Golgatha-Mysterium spekulierendem Kopf nicht mehr hinaus auf die Bühne bewegen lassen, um die Aufführung zu durchdringen. Fast schüchtern, zu karg für seinen Bedeutungsgehalt wird das Abschiedsbild mit Sarg, Gralsschale, Lanze nun in Szene gesetzt. Womit sich noch einmal der Verdacht verdichtet, daß wir da die kleinen Reste und großen Fragmente einer kühner entworfenen Inszenierung miterlebt haben.