Von Karen Söhler

Abu Azoz zieht genüßlich an seiner Wasserpfeife. Der Dampf steigt in dem schummerigen, fensterlosen Raum hoch zur kleinen Deckenlampe, der einzigen Lichtquelle. Der 56jährige ägyptische Bauer hat sich – wie gewöhnlich – auf den Fußboden gesetzt. Er wohnt am Rand des Dorfes Kfir Elarben, 55 Kilometer nördlich von Kairo. Weil der Fellache Abu Azoz ein bißchen schreiben, ein bißchen lesen und ein bißchen rechnen kann, hat ihm ein Grundbesitzer aus Kairo die Verwaltung der Zitrusplantage anvertraut. Vor sechs Jahren, so erzählt er, habe ihm sein Arbeitgeber das Steinhaus geschenkt, in dem er mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen wohnt. Er ist stolz auf dieses Haus: sechs Zimmer in zwei Stockwerken, eine Kochecke mit Gasherd, allerdings keine Dusche. Viele seiner Nachbarn wohnen in Lehmhütten. Neben der Zitrusplantage liegt ein kleines Stück Land, das Abu Azoz für ein geringes Entgelt gepachtet hat. Dort baut er Futter für seine Esel an, Knoblauch, den seine Frau im Dorf verkauft, und Gemüse, das die Familie ernährt.

Neben seinem Lohn bezieht Abu Azoz noch eine Pension aus einer früheren kommunalen Aufgabe, so daß er monatlich über 300 Pfund, umgerechnet rund 90 Dollar, verfügt. Wenn die Ernte gut ausfällt, kann es sogar etwas mehr sein. „Davon kann ich gut leben“, sagt er.

Ein Drittel der ägyptischen Bevölkerung arbeitet, wie Abu Azoz, in der Landwirtschaft, die allerdings nur knapp ein Siebtel zum Sozialprodukt beisteuert. Früher war das anders. Ägypten, die Kornkammer der Antike, konnte sich von seinen Erzeugnissen – Reis, Getreide, Zuckerrohr, später vermehrt Gemüse und Obst – nicht nur ernähren, sondern einen Teil der Ernte sogar ausführen. Heute muß der Staat mehr als die Hälfte seiner Grundnahrungsmittel importieren – vor allem Weizen.

Die Landwirtschaft ist, wie auch andere Wirtschaftsbereiche, Opfer eines ökonomischen Zickzackurses der verschiedenen ägyptischen Regierungen. Erst schwor Gamal Abd el-Nasser, der 1954 die Macht übernahm, Ägypten auf den „arabischen Sozialismus“ ein, setzte Bodenreformen durch, verwies Ausländer des Landes, verstaatlichte Industrie und Banken und schottete den Markt gegen ausländische Erzeugnisse ab. Sein Nachfolger Anwar el-Sadat hingegen wollte ein Wirtschaftssystem nach westlichem Muster. Seine Reformversuche scheiterten jedoch, weil er sie nicht konsequent genug umsetzte. Nassers Anhänger wehrten sich gegen Veränderungen, sie tun es – in verminderter Anzahl – bis heute. Entstanden ist deshalb lediglich eine marode Staatswirtschaft, die der privaten Initiative nur wenig Platz läßt.

Trotz erheblicher Devisenüberweisungen durch ägyptische Gastarbeiter verschuldete sich Ägypten zunehmend im Ausland. Verlustreiche Staatsbetriebe, hochsubventionierte Güter des täglichen Bedarfs und die militärische Aufrüstung verschlangen weit mehr, als der Staat einnahm. Die wohlhabenden Familien schafften schätzungsweise fünfzig Milliarden Dollar sicherheitshalber ins Ausland. Fast hätte das Land seine Zinsen nicht mehr bezahlen können, wenn die Gläubiger nicht beschlossen hätten, ihrem Alliierten im Golfkrieg einen erheblichen Teil seiner Schulden zu erlassen. Die Vereinigten Staaten strichen bereits im Januar 6,7 Milliarden Dollar aus Dank für die militärische Unterstützung Kairos im Kampf gegen den Irak. Die arabischen Golfstaaten folgten dem Beispiel und löschten 7,1 Milliarden Dollar aus ihren Bilanzen. Im Juni kamen auch die Vertreter der wichtigsten Industrieländer in Paris überein, Ägypten zehn Milliarden Dollar in drei Etappen bis 1994 zu erlassen. Dank dieser internationalen Großzügigkeit sind die Auslandsverbindlichkeiten auf 21,2 Milliarden Dollar gesunken.

Nach dreijährigen zähen Verhandlungen hat sich Ägypten zudem im Mai mit dem internationalen Währungsfonds (IWF) auf ein Liberalisierungsprogramm zur Sanierung der Wirtschaft geeinigt. Das setzt die Regierung seither offenbar energisch durch. „Der IWF ist zufrieden mit uns“, meint Zentralbank-Präsident Salah Hamed, nachdem eine Abordnung aus Washington statt der geplanten drei nur zwei Wochen für die Erfolgskontrolle veranschlagt hat. Hamed zählt die bisher schon durchgeführten Maßnahmen auf: Seit Oktober gibt es nur noch einen Wechselkurs, nicht mehr vier. Ein Dollar kostet auf dem freien Markt 3,3 ägyptische Pfund. Der Staat hat die Zinskontrolle aufgegeben, über die er zuvor die (Staats-) Wirtschaft mit relativ billigem Geld versorgt hat. Die Inflationsrate beträgt derzeit nur 20 bis 25 Prozent; noch vergangenes Jahr waren es 40 Prozent.