Von Carl-Christian Kaiser

Es wird ja fleißig gewerkelt auf der deutschdeutschen Baustelle – auch im übertragenen Sinne. Die kirchlichen Akademien haben ein Jahrhundertthema entdeckt; kaum eine Talk-Show verzichtet auf Gäste aus dem Osten; Tagungen ohne ein Referat aus oder über die neu hinzugekommenen Länder bilden die Ausnahme, und die Soziologen schwärmen aus, um das neue Gelände zu erkunden.

Allmählich füllt sich die Landkarte auch. Wir erkennen Wege und Stege, die einstige Nischengesellschaft des Günter Gaus so gut wie die Refugien der jungen Leute – und wir sehen in viele Abgründe. Was die Sozialforscher zusammentragen, macht alle frohsinnigen Prophezeiungen oder die pausbäckige Kanzlerzuversicht einstweilen zu Makulatur.

So geschehen zum Beispiel auf der jüngsten Konferenz des Berliner Instituts für Sozialwissenschaftliche Studien, das sich, fast symbolisch, als BISS abkürzt. Sein Biß ist auch von besonderer Art, weil das Institut keine westliche Einrichtung, sondern eine östliche Neugründung ist. Aber die Zusammenarbeit mit renommierten Westwissenschaftlern wächst. Sie wissen die Erfahrungen ihrer Ostkollegen mit dem alten Regime und deren vertrauteren Umgang mit dem gemeinsamen Forschungsgegenstand zu schätzen. Die Ostkollegen erleben ja am eigenen Leibe, was es heißt, wenn beispielsweise die Mieten um 500 Prozent oder von vier auf zwanzig vom Hundert des Familienbudgets steigen, das durch Arbeitslosigkeit, ohnehin gefährdet ist. Wenn sich die Leute vom BISS über den Patienten DDR beugen, dann nicht nur mit rein klinischem Interesse, sondern auch als ebenfalls Betroffene. Und wo diese Betroffenheit vielleicht zu groß, zu direkt wird, sorgt die kühle Nichtbetroffenheit der Westkollegen schnell für Korrektur.

Auf der Konferenz waren also ein Menge Daten und Befunde zu hören, die alles andere als optimistisch stimmen – angefangen bei dem nach vielen hunderttausend zählenden Verlust von Frauenarbeitsplätzen über die Kündigung von wahrscheinlich vier Fünfteln der Wissenschaftler bis zur Bekleidungsindustrie: Sie soll binnen Jahresfrist jenen Schrumpfungsprozeß nachholen, für den die westdeutschen Textilbetriebe zwei Jahrzehnte Zeit hatten.

Die Liste der Beispiele läßt sich beliebig fortsetzen. Der Systemwechsel ist ebenso rasant wie rabiat. Überall machen seine Folgen deutlich, was den neuen Bürgern zugemutet wird. Und immer wieder werfen sie die Frage auf, wie diesen Bürgern eigentlich zumute ist.

Dazu gibt es viele persönliche Eindrücke, aber nur wenige abgesicherte Befunde. Auch auf der BISS-Konferenz spielte dieses Thema nur eine untergeordnete Rolle, obwohl es in fast allen Referaten wetterleuchtete. Und da war noch etwas – nämlich jener Wessi, der nach einem der spärlichen Berichte über die inneren ostdeutschen Befindlichkeiten erklärte, damit solle man sich doch nicht mehr allzu lange aufhalten.