Von Maria Huber und Heinz-Günter Kemmer

Die Linien zwischen Freund und Feind sind so ungewöhnlich wie der ganze Streit selbst. Auf der einen Seite der Barrikade steht der Gasversorger der ehemaligen DDR, die Verbundnetz Gas AG (VNG), sowie die Ruhrgas AG, die an der VNG einen Anteil von 35 Prozent hält. Deren Kontrahenten sind Gasprom, der Erdgaslieferant aus der Sowjetunion, und die BASF-Tochter Wintershall. Beide haben eine gemeinsame Tochter gegründet, die Wintershall Erdgas Handelshaus GmbH (WIEH), und die wiederum will die Preise für die VNG heraufsetzen. Hätte WIEH mit ihrem Begehren Erfolg, so müßten die Ostdeutschen etwa 25 Prozent mehr für sowjetisches Erdgas bezahlen als die Westdeutschen. Um ihrer Forderung Nachdruck zu verleihen, haben die Sowjets jetzt damit gedroht, der VNG zum 1. Januar die Lieferungen zu kürzen. Die VNG ihrerseits malte den drohenden Untergang des eigenen Unternehmens und den der ostdeutschen Wirtschaft infolge der Preiserhöhungen an die Wand und setzte Wintershall damit unter öffentlichen Druck.

Neueste Variante in dem kaum noch durchschaubaren Streit: Herbert Detharding, Vorstandsvorsitzender von Wintershall, versuchte den Schwarzen Peter nun durch ein verblüffendes Angebot loszuwerden: Sein Unternehmen sei bereit, nach der Preiserhöhung Kunden der VNG zu den alten VNG-Konditionen unter Umgehung des alten Gasversorgers direkt zu beliefern.

Detharding wollte zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen möchte er verhindern, daß der angedrohte Lieferstopp die Versorgung gefährdet, zum anderen will er aber wohl auch ganz geschickt demonstrieren, daß man mit den von WIEH geforderten Preisen für sowjetisches Erdgas Kunden in Ostdeutschland zu Konditionen beliefern kann, die denen im Westen nicht nachstehen.

Aber diesen Beweis wird Detharding kaum antreten können – die VNG hat sein Angebot brüsk zurückgewiesen. Damit, so erklärt das ostdeutsche Verteilerunternehmen, werde die „wirkliche Absicht“ der Kontrahenten deutlich: „Durch die überhöhten Preisforderungen der BASF/Wintershall wird die VNG wirtschaftlich ausgehöhlt. Anschließend will BASF/Wintershall die Versorgungsanlagen für eigene Zwecke gegen ein billiges Entgelt nutzen.“

Damit verharrt der ostdeutsche Gaskrieg im Patt. Die VNG hält die Preisforderung von WIEH für zu hoch und weigert sich, mehr als die Ruhrgas zu zahlen, WIEH gibt beim Preis nicht nach und will eine Teilmenge von jährlich 2,8 Milliarden Kubikmetern sperren, wenn die VNG ihre Meinung nicht ändert.

Bei dieser Menge handelt es sich um Gaslieferungen, die die Regierungen der DDR und der Sowjetunion in Orenburg am Ural vereinbart hatten („Orenburg-Abkommen“) und für die WIEH die Preishoheit beansprucht. Es geht um den sogenannten „Waidhaus-Preis“, den die Ruhrgas für Lieferungen am Übergabepunkt Waidhaus im Bayerischen Wald bezahlt, wo die deutsch-sowjetische Erdgas-Pipeline auf das Territorium der Bundesrepublik kommt.