ARD, sonntags: "Wir Deutschen"

Wer hat schon was im Sinn mit Bildungsfernsehen! Die Sender machend, weil sie ihren Kulturauftrag erfüllen müssen, die Leute machen’s nicht an, weil sie in ihren Wohnstuben keine Schulbänke stehen haben, und den Jugendlichen reicht die Penne. Bildungsfernsehen ist überflüssig – so das Vorurteil.

Um ein Vorurteil nämlich handelt es sich. Gäbe es das Fernsehen nicht – um des Bildungsprogramms willen müßte man es erfinden. Nicht weil alle Welt die TV-Nachhilfe nötig hätte, auch nicht, weil Unterricht im Fernsehen immer gelänge, sondern weil die Möglichkeiten des Bildungsfernsehens enorm sind. Und was an Angeboten kommt, wird auch genutzt. Doch, doch.

Fragen Sie mal rum. Der eine hat seine geologischen Kenntnisse fast ganz aus dem Fernsehen, der andere weiß einiges über Hirnphysiologie – aus dem dritten Programm. Der nächste hat seine Orientierung in der Milchstraße aus einer TV-Serie. Und Nachrichten von solchen Ländern und Leuten, die trotz des Massentourismus für die meisten unerreichbar bleiben, die kommen aus der Glotze.

Das Fernsehen könnte sich zu einer wahren Volkshochschule entwickeln, aber es hält sich zurück und hat Gründe. Während Geologie, ferne Länder und Tierkunde eine Überfülle prächtigen Bildmaterials ganz von selbst liefern, ist die Geschichte, allemal die "alte", knauserig mit der Anschauung. Alles, was vor Erfindung der Photographie spielt, ist televisionär so gut wie tot. Hier mal ein Museumsstück und ein Kupferstich, da mal eine stehengebliebene Klostermauer oder eine Burg, das wär’s. Also überläßt man die Geschichte lieber den Printmedien.

Es sei denn, man heißt Bernhard Dircks und hat den Mut, bis zur Völkerwanderung zurückzugehen und Bilder zu erfinden, wo sich keine von selbst ergeben. Man kann zum Beispiel das antike Rom oder ein gotisches Wehrdorf im Modell vorführen, man kann auf einem geweihten Wagen oder auf einem Schwert mit Kreuzesnagel lange verweilen und Geschichten dazu erzählen. Man kann die von Bildgewittern ermüdeten Netzhäute der Zuschauer entlasten und eine neue Sparsamkeit mit dem optischen Angebot ausprobieren, die, unterstützt von musikalischen Effekten und einem Sprecher wie Gert Westphal, solche Sätze begleitet: "Man muß es sich vorzustellen versuchen."

Was? Das Sonnenlicht, wie es die Mosaiken im Kaiserpalast zu Trier erglänzen läßt. Die Hunnen, vor denen das Volk ins Amphitheater flieht. Rom, das seine Tore den Goten öffnen muß. Bonifatius, der zu den Sachsen predigt. Karl den Großen, wie er zu Felde zieht, und Otto I., wie er zur Kaiserkrönung reist. Es gibt immer ein paar Bilder, die sich anbieten, und von ihnen müssen jene ausgewählt werden, die fähig sind, unsere Vorstellungskraft anzuschieben.

Fernsehen, man weiß das, ist eine Bildmaschine, die das optische Vorstellungsvermögen, den "inneren Film", stillstellt. Offenbar muß das nicht so bleiben. "Wir Deutschen" lehrt: Auf dem Schirm Gesehenes kann die innere Anschauung reizen. Eine wohlkalkulierte Ökonomie weniger, ausgesuchter Filmsequenzen – das ist keine fürs Fernsehen typische Dramaturgie, aber sie funktioniert und ist vielleicht zukunftsträchtiger als die gewöhnliche Überschußproduktion beliebiger optischer Schnipsel. Barbara Sichtermann