Früher, wir müssen es zugeben, haben wir uns öfter mal an der Frittenbude sehen lassen. Doch das ist ein dunkles Kapitel und überdies lange her. Inzwischen haben wir unser ganzes Bewußtsein auf die feine Küche ausgerichtet, massenhaft einschlägige Literatur studiert und sind im Laufe, der Zeit zu wahren Gourmets avanciert.

Verschleckt und verschlemmt wie wir Feinschmecker nun mal sind, verkehren wir selbstredend nur in den besten Häusern, und so können wir mittlerweile in aller Bescheidenheit behaupten, daß uns keine noch so abwegig formulierte Speisekarte den Garaus macht. Auf diesem Gebiet stecken wir selbst den gerissensten Maître in die Tasche.

Auch an den immer wieder aufflackernden Diskussionen, ob es nun korrekterweise "Babysteinbutt mit oder an Senfhollandaise" heißt, Tournedos mit oder auf Lauchstreifen, die oder das Mousse beteiligen wir uns mit aller uns zur Verfügung stehenden Leidenschaft. Versteht sich, daß wir aus solchen Disputen stets als Sieger hervorgegangen sind – bis vor kurzem jedenfalls.

Denn dummerweise, und das verbittert uns ehrlich gesagt etwas, wächst neuerdings die Anzahl derer, die sich in diesem diffizilen Bereich genauso gut auszukennen glauben wie unsereiner. Da ist es bisweilen tröstlich, sich der leider vergangenen Zeiten zu erinnern, als wir unserer besten Freundin milde lächelnd erklären durften, was Mozzarella, Mascarpone und Vitello tonnato sind. Inzwischen weiß das jeder Dreijährige. Dennoch: Wir lassen uns nicht verdrießen und greifen gern auch heute noch helfend ein, wenn wir merken, daß am Nachbartisch jemand echte Probleme mit der Speisekarte hat.

Dieser Tage freilich mußten wir uns bis an die Grenzen unseres Bildungsstandes begeben. Uns geriet die Einladung eines vornehmen französischen Hotels in die Hände, einer "Hochburg normannischer Gastronomie und Lebenskunst", die jetzt mit einem "ganz neuen Wasser-Freizeit-Komplex" ausgestattet wurde. Das war offensichtlich ein Grund zum Feiern, und so gab’s selbstredend auch was zu essen, das "Menu Marine" nämlich. Ebendiese Speisenfolge jedoch stürzt uns in arge Verwirrung, denn wir haben absolut keinen Schimmer, was da auf den Tisch kam. Vielleicht erbarmt sich der Koch und klärt uns gelegentlich auf, worum es sich handelt bei "Fitness und Wasserstrahl auf Canapés", bei "Schwimmbad-Consommee mit Gegenstrom", "Sauna geröstet vom Grill", "Blätterteig vom Solarium" oder gar beim "Massagelikör"? Wir jedenfalls sind mit unserem Latein am Ende.

Wie’s aussieht, hat uns die Sache mehr gestreßt, als wir ahnten. Nur so ist es zu erklären, daß wir uns gestern abend, in einer tranceähnlichen Verfassung, am Imbißstand wiederfanden. Und wenn uns nicht alles täuscht, haben wir Pommes mit Mayo bestellt.

Brigitte Wolter