Bücher über die Kunst des Bauens und des Sehens

Von Manfred Sack

Häuser? Musik!

Ob er wirklich, wie Bruno Zevi glaubt, der Erfinder des Jugendstils war oder nicht, ist ganz gleich; sicher aber ist, daß der Belgier Victor Horta (1861 bis 1947) neben dem Schotten Mackintosh und dem Katalanen Gaudí, neben seinem Landsmann van de Velde und dem Deutschen Olbrich zu den Koryphäen dieser stilistischen Revolte gegen den Eklektizismus der Gründerzeit gehört. Er ist eine einzigartige Erscheinung der Baugeschichte – und jetzt ist die voluminöseste Publikation seit je, wenn auch erst zwanzig Jahre nach ihrer Premiere, auf deutsch herausgekommen: ein großes, dickes, schweres Buch mit mehr als 700 Photographien, ein betörendes Kompendium, das die wichtigsten seiner Bauten in oft ungekannten Detailaufnahmen vor Augen führt (Franco Borsi, Paolo Portoghesi: "Victor Horta", aus dem Französischen von Bettina Witsch-Aldorf; Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart 1991; 414 S., 198,– DM).

Indessen wird nicht nur der Sinnenlust gedient, sondern auch dem kritischen Geist, dafür bürgen die beiden Italiener, die das Buch zu Verfassern hat, der Historiker Franco Borsi und der historisch beschlagene, gebildete, sprachgewandte Architekt Paolo Portoghesi. Seine Essays zu lesen ist ein großes Vergnügen, etwa wenn er die "Sprache Victor Hortas" analysiert und dabei neben der "Peitschenschlag"-Linie, dem "Tangentialpunkt" (bei der komplizierten Verbindung von Teilen) auch Hortas virtuose Metrik entschlüsselt. So geschieht es, daß er die Bauwerke wie Partituren liest und dabei dem Rhythmus dieser asymmetrischen, schwingenden, gebärdenreichen Architektur auf die Schliche kommt, der hinter all dem Jugendstildekor verborgenen strengen formalen Ordnung – und die Verszeile aus Verlaines Gedicht "Dichtkunst" belegt: "Noch einmal denn: Musik! und nur Musik!" Was Wunder, daß Horta, der vielen Anwürfen zu trotzen hatte, rasch ein begehrter und teurer Architekt war – ein Wunder aber auch, daß er ein sozialistischer Bürger war. "Wir waren Rote", sagte er, dessen epochales "Palais du Peuple" in Brüssel in den sechziger Jahren allen Protesten zum Trotz abgerissen wurde, "auch wenn wir nicht an Marx oder andere Theorien geglaubt haben." Über diesen Volkspalast und die anderen Bauten Hortas unterrichtet Borsi mit einer sympathischen Akribie.

Aber hier zeigen sich die Beschwernisse, die der Leser mit dem Buch hat, lauter alte Sünden: Statt die Bauwerksberichte direkt mit den dazugehörenden Bildern zu verknüpfen, kommt erst das eine (der Text), dann das andere (die Photos), so daß man unentwegt die schweren Blätter hin und her wälzen muß – etwas, das erst recht dem beflissenen Leser der Anmerkungen aufgeladen wird, weil sie ganz hinten versammelt sind, aber nicht einmal durchgezählt werden. Und die Photographenliste ist so unbrauchbar wie üblich: statt einer numerischen Ordnung ein alphabetischer Nummernhaufen. Was hilft’s, es ist nun mal das beste erhältliche und in ein angenehmes Deutsch übersetzte Buch über Horta, der nach dem Ersten Weltkrieg seltsamerweise ganz anders baute als gedacht: nicht modern, sondern traditionalistisch, ein blumiger Spätklassizist.

Viel gekonnt? Viel!