Der „Arche Literatur Kalender“ im achten Jahr ist gewidmet dem Thema „Städte: Faszination und Schrecken“. Für jede Woche ein farbiges Blatt mit dem Bild der vorgestellten Stadt oder des zitierten Schriftstellers, etwa diesem Geständnis von Else Lasker-Schüler: „Bücher bedeuten für mich Städte, Städte Bücher, leere und lebensreiche. Und da das Buch mir eine ganze Stadt entfalten kann, mit Straßen und Läden und Menschen ... genügt mir schon das Buchhändlerlexikon mit der Anzeige neuerschienener Bücher.“ {Arche, Zürich; 56 Bl., 29,80 DM.)

Der „Literaturkalender des Aufbau-Verlags“ kann ein kleines Jubiläum feiern: Er erscheint im 25. Jahr und ist „einem standhaften Mann und seiner tapferen Frau“ gewidmet, dem langjährigen Leiter des Verlages, Walter Janka, und seiner Frau Charlotte. Da lesen wir gleich auf dem ersten Blatt, zu Neujahr: „Walter Janka, 1956 in der DDR zu Unrecht verurteilt und danach für Jahrzehnte verfemt..., ist uns in jenem unvergeßlichen Herbst ’89 vorangeschritten. Auch er war das Volk, das wir alle meinten. Einstmals aus seinem Arbeitszimmer heraus verhaftet, kehrte er 34 Jahre später in seinen Verlag zurück. Eine Stunde, die alle Mitarbeiter unseres Verlages niemals vergessen.“ Noch schöner wäre gewesen, „die Kalendermacher“ hätten nicht den tapferen Mann vergessen, der diesen einstmals besten Literaturkalender in beiden Teilen Deutschlands durch schwierige Zeiten gesteuert und ihm die – jetzt selbstverständliche – Weltoffenheit, oft gegen heftigen Widerstand der Partei- und Stasi-Leute im Verlag, bewahrt hat. Aber der hervorragende Literaturwissenschaftler Jürgen Jahn wurde „abgewickelt“. Deshalb sei ihm hier, dankbar, ein Denkstein errichtet. Sein Konzept, Autoren der Weltliteratur, lebende und tote, mit Autoren-Photos, Original-Zitaten und knappen Erläuterungen vorzustellen, überzeugt auch im 25. Jahr. (Aufbau-Verlag, Berlin: 54 Bl., 19,80 DM.)

„Kleiner Bruder – 25 deutsche Gedichte“ heißt – wie seit vielen Jahren – der von Traugott Giesen herausgegebene Literaturkalender. Er muß „diesmal, sozusagen, den großen ‚Deutschen Gedichte Kalender‘ vertreten, der aus vielbeklagten drucktechnischen Gründen 1992 nicht erscheinen kann“, wie der Verlag bedauert. Der Kalender (Verlag Langewiesche-Brandt, Ebenhausen bei München; 25 Bl., 18,– DM) enthält nur deutsche Gedichte, von der Günderode bis zu Wolf Biermann, von Friedrich Spee bis zu Jochen Missfeldt, dessen Gedicht „Vogelkunde“ hier erstmals veröffentlicht ist.

„Reclams Literatur Kalender“ kann auch ein Jubiläum feiern: 125 Jahre Universal-Bibliothek. Der von Albert Haueis zusammengestellte Kalender im Format eines Bändchens von Reclams Universal-Bibliothek präsentiert Autoren des Verlages von der Antike bis zur Gegenwart mit Bild, Kurzbiographie und Textproben, auch im griechischen oder russischen Original. Die Auswahl orientiert sich an wichtigen Gedenktagen (Jakob Michael Reinhold Lenz, Shelley, Marina Zwetajewa) oder an Neuerscheinungen in der immer noch preiswertesten Taschenbuchreihe (Sappho, Robert Gernhardt oder der Philosoph Thomas Nagel). Ein Kalendarium verzeichnet Geburts- und Todestage wichtiger Autoren der Weltliteratur (Reclam Verlag, Stuttgart; 128 S., Abb., 3,– DM).

Der „Raben-Kalender“, einer der vergnüglichsten Begleiter durch das Jahr, mit einem Text oder einer Zeichnung und oft mit beidem für jeden Tag und dem Hinweis auf Geburts- und Todestage wichtiger Autoren, Künstler, Philosophen aus aller Welt, erinnert auf dem Tagesblatt für den 9. Juli auch daran: „Gründungseintrag der Haffmans Verlag AG ins Zürcher Handelsregister. Konzeption und Redaktion des 1. Magazins für jede Art von Literatur Der Rabe.“ Joachim Kersten und Volker Kriegel (der selber witzige Zeichnungen beisteuert) haben Texte und Bilder ausgesucht. Vergnüglich verstreut über die 366 Tage des kommenden Schaltjahrs sind Italo Svevos Notizen über seinen heldenmütigen Kampf gegen Zigaretten-Sucht, samt gelegentlichen Niederlagen. Kleines Lese-Abenteuer auch für Nichtraucher (Haffmans Verlag, Zürich; 366 Bl., 30,– DM).

Der „Dada-Kalender“ darf sich natürlich im Untertitel einen „immerwährenden Kalender“ nennen. Denn wo wird die Welt so rabiat, hintersinnig, lustig auf den Kopf gestellt wie hier, wo der Monat März – Kompliment an Kurt Schnitters – als „Merz“ erscheint. Jürgen Häußler präsentiert in diesem Taschenbuch Anabas-Verlag Günter Kämpf, Gießen; 162 S., 12,80 DM) die Gründer-Mütter und -Väter von Dada in Wort und Bild – und den hier oft wichtigen Handschriften oder dem Buchstabensalat der Originaldrucke mit ihren wechselnden Schrifttypen.

„Mit Goethe durch das Jahr“: der von Effi Biedrzynski im 44. Jahr erscheinende Literatur-Kalender (Artemis Verlag, Zürich; 112 S., Abb., 9,80 DM) steht unter dem Titel „Goethes Weimar“. Wie stets ist die linke Seite einem Wochen-Kalendarium vorbehalten mit einem Zitat aus Goethes Werk für jeden Tag, mal eine der zwischen Tief- und Biedersinn schillernden Spruchweisheiten des Geheimbderaths („Wie einfach und wie kompliziert sind doch alle menschlichen Dinge“), mal ein kleines Gedicht. Da die Herausgeberin bei ihrer Auswahl keinen Unterschied macht zwischen Poesie und Prosa, wissenschaftlichem Werk oder Tagebuch lernt man in 366 Zitaten den Kosmos Goethe aufs beste kennen. Die rechten Seiten des Kalenders im Format von Taschenbüchlein der Goethe-Zeit bringen Texte von Goethe, seinen Zeitgenossen und Bildchen aus der thüringischen Residenz – alles so klug wie knapp kommentiert. Die kleinen Kapitel („Blick über das Land“, „Gartenleben“, „Fürstliches Refugium“, „Der Herzogin Salon“ oder der Blick in Goethes bescheidene Schlaf- und Arbeitskammern, „Im innersten Bezirk“) ergeben einen schönen, handlichen Reisebegleiter für eine literarische Pilgerfahrt nach Weimar. rm