München

Der Abdruck von geharnischten Leserbriefen – selbst mit der Androhung, „Ihr bisher geschätztes Blatt abzubestellen“ – ist alte Zeitungstradition und dient letztlich der Imagepflege. Anders ist es mit Presserundschreiben in Form von mehrseitigen Tiraden über die Schlechtigkeit der Welt im allgemeinen und die Bosheit persönlicher Widersacher im besonderen. Absender sind in der Regel glücklose Weltverbesserer, und sie haben auch bei der Presse meistens Pech: Ihre Pamphlete landen für gewöhnlich im Papierkorb.

Daß sich die ZEIT entschlossen hat, zwei Schimpfkanonaden auf dem Niveau eines Rohrspatzen, die ein Hamburger Dichter und Schriftsteller vor kurzem auf die Presse losließ, ernst zu nehmen, hat guten Grund: Der Verfasser ist kein harmloser Weltverbesserer, sondern das Gegenteil.

Bernd W. Wessling ist nicht nur der Produzent der nun schon seit zwanzig Jahren vielbelachten Tantenpoesie von Julie Schrader, er zeichnet auch verantwortlich für mehr als ein Dutzend Biographien seltsamer Art: Sie bieten zahllose Histörchen und irritierende Zitate, deren Quellen vom Autor scheinbar exakt lokalisiert werden, am angegebenen Ort jedoch unauffindbar sind. Immer wieder haben Rezensenten darauf hingewiesen, daß viele der teils albernen, teils verleumderischen Episoden aus dem Leben der Biographierten – darunter Gustav und Alma Mahler, Wilhelm Furtwängler und „Toscanini in Bayreuth“ – keinerlei Anspruch auf Authentizität haben.

Am ausführlichsten dokumentierten dies 1989 der Spiegel und die ZEIT im Zusammenhang mit Wesslings unsäglicher Biographie über Carl von Ossietzky. Zur gleichen Zeit verlor der Autor einen Prozeß, durch den er verhindern wollte, daß seine Julchen-Verseschmiederei als Literaturfälschung bezeichnet werden darf.

Nun aber hat Wessling einen Prozeß gewonnen und entsprechend Oberwasser: Der Münchner Heyne Verlag ist in zwei Instanzen dazu verurteilt worden, die Biographien über Wilhelm Busch, Kurt Tucholsky und Herbert von Karajan, die man bei dem versierten Schnellschreiber in Auftrag gegeben hatte, zu veröffentlichen – trotz aller Einwände gegen die dubiose Arbeitsweise des Verfassers.

Die Pflicht eines Sachbuchautors zu sorgfältiger Faktendokumentation stand nicht zur Debatte; die eklatante Verletzung dieser Pflicht wurde vom Verlag allerdings auch nicht eindrucksvoll genug aufs Tapet gebracht. Zentnerweise hätten die Folianten mit ganzen Zeitungsjahrgängen vom Völkischen Beobachter bis zur Welt am Montag, vom Prager Tageblatt bis zum Berliner Tagesspiegel auf den Richtertisch gewuchtet werden müssen, um zweifelsfrei zu beweisen, daß auch in Wesslings neuesten Biographien die Quellennachweise Potemkinsche Dörfer sind. Opfer dieser Camouflage sind vor allem Busch und Tucholsky.