ARD, Donnerstag, 19. Dezember: "Mama Papa Auto"

Aufs Land, aufs Land! Endlich hat die Stadtfamilie eine erschwingliche Wohnung auf dem flachen Lande gefunden. Endlich ist man dem Dreck, dem Lärm, der Unnatur der großen Stadt entronnen, vor der man die Kinder bewahren will. Freilich ist nun der Weg zur Arbeit weiter, aber das nimmt man in Kauf. Die Eisenbahnstrecke in die Stadt wurde vor zwanzig Jahren demontiert, ein Omnibus fährt dreimal täglich. Aber man hat schließlich ein Auto, und der Autobahnanschluß ist ganz nahe.

Der Autobahnanschluß ist zu nahe, eine sechsspurige Piste tangiert den ländlichen Fluchtraum, und wenn der Wind von Süden weht, wenn’s also warm und sonnig wird im Norden, wenn man das Leben hier so recht genießen könnte mit den Kindern auf der Wiese, gerade dann brüllt die Piste kilometerweit ins Land. Es gibt nur eines: weiter landeinwärts fliehen, zum See, zum Freigehege und dem Kaffeegarten. Da spielen die Kinder auf einem wunderbaren neuen Spielplatz neben an- und abfahrenden Autos. Jeder will hier sein, wo es so schön stille ist. Und jeder kann es: mit dem Auto.

Eines Nachts stinkt es im Kinderzimmer nach Dieselabgasen, die durchs offene Fenster eingedrungen sind. Wohin jetzt? Lüften geht nicht. Man muß die inverse Wetterlage abwarten, muß warten, bis die schlechte Luft sich wieder nach oben hin verteilt, wo es nicht weiter stört. Aber nun heißt es ja, daß es selbst da noch Schaden macht...

Beim Abendspaziergang durchs Dorf entkommt man der brüllenden Piste nicht, der Lärm nimmt allem Sichtbaren die Stimme und macht es unerheblich.

"Eine Bombe müßte man schmeißen, daß endlich Ruhe ist." In dem "Nachruf auf das Automobil", einem amüsanten und bitteren Film-Essay von Claus Striegl und Bertrag Verhaag, spricht eine junge Frau diesen Satz aus, nüchtern und endgültig. Für sie hat sich das Auto erledigt. Sie lebt in einer Zeit nach dem Auto – wie wir alle, wir wissen es nur noch nicht.

Der Spaziergänger setzt seinen lärmdurchfluteten Weg fort; auf dem Gang durch den ländlichen Heimatort wird er mehr als fünfzig Personenkraftwagen begegnen, in denen Menschen sitzen, die er nicht kennt; auf dem Gehweg oder Bürgersteig, der mangels Benutzung immer wieder zugrünt, wird er niemanden retten. Er wird es mit einem Selbstgespräch versuchen und das eigene Wort nicht hören. Schließlich kommt ein fremder Herr entgegen, der seinen Hund ausführt; der Hund wird geifern, der Herr wird an ihm zerren, und es wird keine Gelegenheit geben, sich einen guten Abend zu wünschen. Kurz vor der Haustür endlich gibt es doch noch einen Grund zur Freude: Da wird es kreischen und blitzen und krachen von der Piste her, da wird die Feuerwehrsirene gehen und der Rettungshubschrauber landen. Und dann wird Ruhe sein, die postautomobile Ruhe, vorerst für ein paar Stunden.

Reinste Freude: Es geht auch ohne Bombe. Das Automobil erlegt sich selbst. Nachts aber kommen die Verkohlten und Versehrten (sechzigtausend Tote jährlich auf Europas Straßen) die Autobahnböschung hinab und wanken dem Stadtflüchtling durch die lärmverzerrten Träume. Martin Ahrends