Die Ost-CDU will von ihrer Vergangenheit nicht mehr viel wissen

Von Christian Wernicke

Das Zitat mutet an wie ein Wortfetzen aus der Geschichte: "Die CDU trägt durch den politischen Sündenfall der geduldeten Gleichschaltung Mitschuld am moralischen Verfall der ganzen Gesellschaft." Von Kategorien, wie sie Lothar de Maizière im Dezember 1989 auf dem Berliner Parteitag der DDR-CDU noch anmahnte – von "einem politischen Schuldbekenntnis" und von "Buße" nämlich –, ist in den ostdeutschen Landesverbänden der Union aber längst nicht mehr die Rede.

Schon alles vergessen und selbst vergeben? Wer im Dezember 1991 den Entwurf des Dresdner Manifestes durchblättert, der entdeckt bei der Auseinandersetzung mit der eigenen Parteigeschichte nur noch bescheidene Ansprüche. "Wir bitten alle, die in Gesellschaft und Politik ein Amt bekleiden, ihr Verhalten in der Vergangenheit selbstkritisch zu überprüfen." Die Partei blickt nach vorn, will "die Zukunft gemeinsam gestalten" – so der Untertitel des Manifestes. Deshalb wird nicht mehr nach Schuld gefragt; Kriterium soll fortan sein, ob die vorwendische Tätigkeit des Parteifreundes "es seinen Mitbürgern heute schwermacht, neues Vertrauen zu gewinnen".

Die Dresdner Formel klingt harmlos, ja selbstverständlich. Schließlich wird so doch nur anerkannt, daß die CDU auch eine Partei der Wähler und nicht allein ihrer Mitglieder ist. Gleichwohl dokumentiert sich hier ein Schritt in einem langen Umlernprozeß: Die Vierfünftelmehrheit jener Mitglieder, die früher in der Nationalen Front nie Mehrheiten oder Verantwortung suchen konnte, die in der CDU aber ihre Nische und ihre Opportunitäten fand – sie begreift allmählich, daß der Rollenwechsel von der Block- zur Volkspartei neue Regeln und neue Gesichter verlangt.

Die "Bitte" um kritische Selbstbefragung ist freilich nur der vorübergehende, fade Kompromiß zwischen jenen beiden Lebenswelten, die sich in der ostdeutschen CDU überall begegnen. Wie fremd man sich dort manchmal gegenübersteht, das machte am vergangenen Wochenende ein bislang unbekannter Delegierter auf dem Parteitag der sächsischen CDU in der Festhalle zu Annaberg deutlich.

Während der Wirren der Wende sei "dieser Saal als Isolierungslager des Landkreises vorgesehen" gewesen: Wäre die Geschichte seinerzeit anders verlaufen, "dann hätten damals einige von uns hier gesessen, und einige von uns wären draußen vor der Tür gestanden – als Aufseher oder möglicherweise auch als Folterer". Steffen Flath ist seit 1983 CDU-Mitglied, ein Beweis mehr dafür, daß weniger das Eintrittsdatum als die Biographie entscheidet, ob jemand die "alte" oder die "neue" CDU repräsentiert. Der Provokateur wurde nun in den handstreichartig "erneuerten" Vorstand der sächsischen CDU gewählt.