Der hannoversche Soziologieprofessor Oskar Negt versteht sich als kritischer Begleiter der Expo, die im Jahre 2000 Hannover zum Mittelpunkt der Welt machen soll. Er sieht, trotz aller Skepsis, in der Weltausstellung die Chance, Bilanz unter ein Jahrhundert zu ziehen und gleichzeitig technische und soziale Utopien aufzuzeigen.

ZEIT: „Das dritte Jahrtausend beginnt in Hannover“ heißt der Expo-Slogan der Regierung.

Negt: Für mich hat diese Weltausstellung dann einen Sinn, wenn sie die Welt darstellt, in dem, was dieses Jahrhundert gebracht hat, in dem, was es an riesigen technischen Entwicklungen gegeben hat, aber auch an Zerstörungspotential. Das heißt, es hätte einen Aufklärungssinn, wenn das 20. Jahrhundert in seiner Gebrochenheit in einer Art Ausstellungsbilanz vergegenwärtigt würde. Dann hätte das ein bißchen mit der Erbschaft dieses Jahrhunderts zu tun und würde weit über das hinausgehen, was die alten Industriemessen sind. Diese alte Form der Potenzvorstellung eines Industriezeitalters wird immer fragwürdiger. Und ich könnte mir vorstellen, daß die Fragwürdigkeit eines bloß technischen Fortschritts am Ende dieses Jahrhunderts noch größer ist. Besonders, wenn man bedenkt, daß dieser Fortschritt ja kaum etwas verändert an der sozialen Lage der Mehrheit in den fortgeschrittenen Ländern. Daß der Rest der Welt davon gar nicht profitiert oder sogar auf einen immer niedrigeren Entwicklungsstand gedrückt wird. Wenn diese Dinge nicht sichtbar werden, dann verfehlt die Expo ihren Sinn.

ZEIT: Besteht nicht aber die Gefahr, daß sich die in Hannover konzipierte Expo auf Probleme der Industriegesellschaft konzentriert, auf Wohlstandsprobleme wie Abfall, Verkehr und dabei neun Zehntel der Menschheit ausgeklammert?

Negt: Ja, das ist die Gefahr. Das ist auch die Argumentationslinie, die ich und einige meiner Freunde verfolgen, die die Regierung beraten – daß wir gegensteuern müssen gegen die bloße Verknüpfung von bestehenden Interessen. Aber die Schwerkraft dieser Interessen ist so groß, daß viel Kraft aufgewendet werden muß, um dem entgegenzuarbeiten. Die Gefahren sehe ich, aber es gibt für mich, der ich mich mit dem Problem beschäftige, keine Alternative, als zu sagen: Die sinnvolle Gestaltung eines solchen Großprojekts muß das, was heute Welt ist, zeigen. Und das ist etwas anderes als 1851, als die Weltausstellung begann. Da waren London und Paris noch Ausdrucksformen von Welt. Da repräsentierte sich die Welt. Heute gibt es einen ganz anderen Bezug zwischen unseren Interessen und den Interessen außerhalb. Wir werden nichts mehr tun können, was nicht auch Rückwirkungen auf die übrige Welt hätte. Deshalb hielte ich es für fatal, wenn diese Verengung stattfindet.

ZEIT: Ist denn eine Mammutschau, wie sie geplant wird, geeignet, diese Zusammenhänge, von denen Sie sprechen zu vermitteln? Kann man den erwarteten 300 000 Besuchern, die täglich durch die Stadt strömen sollen, eine solch komplexe Welt zeigen?

Negt: Nein. Diese Mammutschau könnte allenfalls ein Anfangssignal sein. Weder wird diese Weltausstellung zu einer erheblichen Bewußtseinsveränderung der Metropolen führen, noch wird das wirkliche Elend dieser Welt dokumentiert werden können. Aber ich glaube, sie wird auch nicht unkritisch dem Fortschritt huldigen. Eine solche Weltausstellung ist für mich eine Chance für eine Stadt, sich so zu gestalten, daß Erkenntnisse über Urbanität, über Weltoffenheit dokumentiert werden könnten.